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Donnerstag, 26. Januar 2012

Geschichte Portugals



Walther L. Bernecker / Horst Pietschmann
Geschichte Portugals
Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart
2., aktualisierte Auflage
München 2008 (C.H. Beck)
136 S.







Das in der bekannten Taschenbuchreihe des Münchner Verlags C.H. Beck erschienene kleine Buch von Horst Pietschmann (vom Mittelalter bis Ende des 18.Jh.) und Walther L. Bernecker (von Ende des 18.Jh. bis in die Gegenwart) bietet einen schnellen Überblick über die Geschichte Portugals und informiert sehr gut. Vor allem einige Aspekte aus dem Mittelalter sowie die jahrzehntelangen Konflikte des Verfassungsstreits um die Ausgestaltung der Monarchie zwischen Parlamentarismus und absolutistischem Anspruch in der ersten Hälfte des 19. Jh., in aufeinanderfolgenden Staatsstreichen, (Gegen-)Revolutionen und Bürgerkriegen, waren für mich neu und zeigten mir wieder einmal mein bekanntes Defizit der west-/mitteleuropäisch fokussierten historischen Bildung auf.
Gefehlt hat mir im Buch allerdings ein Augenmerk auf das Leben in den Jahrhunderten maurischer Herrschaft auf dem Gebiet des nachmaligen Portugal.

Es ist immer wieder wertvoll und spannend, Geschichtskenntnisse zu bestimmten Anlässen aufzufrischen oder zu vertiefen. Ein Grundgerüst der Geschichte Portugals war mir geläufig, einiges wurde durch den Besuch in Porto 2010 gelernt. Ein längerer Aufenthalt erforderte aber eingehendere Beschäftigung, denn alles und überall ist Geschichte, die es zu kennen und zu wissen lohnt.

Dienstag, 24. Januar 2012

Politische Gewalt und Machtausübung im 20. Jahrhundert


Heinrich Berger / Melanie Dejnega / Regina Fritz / Alexander Prenninger (Hg.)
Politische Gewalt und Machtausübung im 20. Jahrhundert
Zeitgeschichte, Zeitgeschehen und Kontroversen
Festschrift für Gerhard Botz
Wien/Köln/Weimar 2011 (Böhlau Verlag)
773 S.




Der umfangreiche Band zum 70. Geburtstag des Zeithistorikers Gerhard Botz versammelt eine große Anzahl an interessanten Beiträgen, von einigen renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Josef Weidenholzer und Helmut Konrad erinnern sich an die gemeinsamen Anfänge an der Universität Linz, die zusammenfallen mit der „Formierung der österreichischen Zeitgeschichte“ (Konrad). Helmut Konrad vergleicht seinen weiteren Lebensweg mit demjenigen von Botz.

Sehr spannend sind ist der Beitrag der verstorbenen Edith Saurer über die Tagebucheintragungen von Bernhardine Alma zu ihrem Abstimmungsverhalten bei der unter den Zeichen von Propaganda und Terror abgehaltenen NS-„Volksabstimmung“ 1938. In der Beichte wurde ihr durch die katholische Geistlichkeit geraten, mit Ja zu stimmen − was sie nicht tat. Ebenfalls hochinteressant ist Ernst Hanischs Beschäftigung mit der Nazi-Verstrickung seiner Familie (damit Spuren von Gerhard Botz folgend).

Johannes-Dieter Steinert schreibt über die Schwierigkeit des Umgangs mit den schwer traumatisierten Menschen, die im Terrorsystem des KZ ihre Überlebensstrategien entwickelt hatten, unmittelbar nach der Befreiung 1945, wie sie erst wieder ins Leben finden mußten. Weiters berichtet er über das Verhältnis der (west-)deutschen Bevölkerung zu den Displaced Persons: Die Nachkriegsgesellschaft sah sich als am härtesten gestraftes Kriegsopfer, „Interesse am Schicksal und Leid der Überlebenden von zwangsarbeit und Holocaust besaß kaum jemand“.

Aufschlußreich ist der Artikel von Sandra Paweronschitz über die unterschiedliche Rezeption der Projekte NachRichten in Österreich und Zeitungszeugen in Deutschland, bei denen Reproduktionen von Zeitungen aus der NS-Zeit mit Kommentar versehen im Zeitschriftenhandel publiziert wurden bzw. werden. Aus ihrem Resumee über die Focusgruppen-Interviews (Meinungsforschung): „So war es den österreichischen Probanden enorm wichtig, dass die Reihe von einem Testimonial nach außen vertreten würde, das der Leserschaft quasi die Erlaubnis erteilt, sich mit den nationalsozialistischen Materialien zu beschäftigen. [...] In Deutschland fand die Idee, Wortmeldungen von unterschiedlichen Menschen des öffentlichen Lebens zur Reihe abzudrucken, keinen Anklang, im Gegenteil. Sie wurde in den Interview mehrfach kritisiert. Die Probanden fühlten sich gemaßregelt und nicht ernst genommen.“

Interessant sind weiters die Beiträge von Klaus-Dieter Mulley über die Liquidierung der (1934 gleichgeschalteten) Arbeiterkammern 1938 und von Berthold Unfried über den „anwendungsorientierten Antisemitismus“ bei der Verwendung der Kategorien „jüdisch“ und „arisch“ in der „Arisierung“ der österreichischen Wirtschaft 1938/39. Hervorzuheben ist auch Lucile Dreidemy, die Grenzen der Leidenschaft zur geschichtspolitischen Provokation in der österreichischen Öffentlichkeit thematisiert.

Freitag, 30. Dezember 2011

Der große Illusionist




Ernst Hanisch
Der große Illusionist
Otto Bauer (1881−1938)
Wien/Köln/Weimar 2011
(Böhlau Verlag)
478 S.






Das Fehlen einer wissenschaftlichen Biographie Otto Bauers war bisher ein großes Defizit. Der Historiker Ernst Hanisch hat sich daran gemacht, diese Lücke zu schließen. Spannend macht das Werk, daß Ernst Hanisch schon in bisherigen Veröffentlichungen zur Person Bauers einen streitbaren, kritischen, aber Scheuklappen vermeidenen Blick zeigte. Hanisch ist frei von jedem Verdacht einer lagergeschichtlich orientierten Hagiographie: „Ich war nie Sozialist. Ich komme herkunftsmäßig aus einem ,liberalen Katholizismus‘, mit einem stark sozialen Anspruch“ definiert er eingangs seine Position.

Hanischs zentrale Kategorie zum Verständnis Otto Bauers ist eine religiöse Schablone: Bauer habe „eine Glaubensentscheidung für den Sozialismus“ getroffen, erlebte in der Pubertät „eine Bekehrung zum Marxismus“ und „dieser Glaube war ernst und ernsthaft: ein Zustand der Ergriffenheit, ein ,heiliges‘, letztgültiges Ziel, das sein ganzes Leben prägte“, dieser „hartgehämmerte Glauben an den Sozialismus“. Hanisch argumentiert dies nicht. Die Belegstellen, die er zwischendurch einstreut, überzeugen wenig. Daß Bauer „selbst von der religiösen Dimension des Glaubens an den Sozialismus“ gesprochen habe, wenn er 1922 in einem Brief an Friedrich Adler in einer persönlichen Bemerkung über die politische Wandlung des gemeinsamen Freunds Rudolf Hilferdings schreibt „Seitdem er aber den Glauben verloren hat (Hervorhebung E. H.), hat er sich in eine Richtung verändert, die ich gerade bei ihm nie für möglich gehalten hätte. Es ist eine Erfahrung, die für mich ein Stück Glaubens an die Menschen zerstört.“ scheint mir ein zu kühner Schluß zu sein.
Dies führt zu Fehl-Analogien. So ist Otto Bauers Konzeption eines integralen Sozialismus, sind seine händeringenden Versuche, in der Verzweiflung der Alternative Hitler oder Stalin Ende der dreißiger Jahre, zu kritisieren. Hanisch verfehlt aber den politischen Punkt, wenn er meint „Der Wunsch des Gläubigen, einen konkreten Ort zu finden, wo der Sozialismus (wenn auch unter großen Schmerzen und Opfern) aufgebaut werde, war bei Bauer stärker als das kritische Potential des unabhängigen Intellektuellen.“ Hanisch verrennt sich in oftmaliger Wiederholung der These der religiösen Dimension, ohne diese These wenigstens einmal ausführlich darzulegen. Er verwischt politische Überzeugungen und Religion als wäre es einerlei.

Ein großes Versäumnis ist, daß Hanisch eine weitere zentrale Begrifflichkeit seines Buchs nicht erklärt, obwohl sie sich sogar im Titel des Buchs befindet, nämlich dies des Illusionisten. Hanisch bezieht sich einmal, im Verhältnis und Verständnis von Marxismus und Wissenschaft, auf François Furet und dessen Kommunismus-Bilanz Das Ende der Illusion, wo dieser schreibt, der Marxismus schien „das Geheimnis zu eröffnen, das den Menschen befähigt, die göttliche Rolle zu übernehmen und damit die Nachfolge Gottes anzutreten.“ Aus dieser religiös grundierten Illusion rührt wohl Hanischs Begriff des Illusionisten für Otto Bauer. Sonst gibt es nur wenige Hinweise, was Hanisch meint. Als „großer Illusionist“ habe sich Otto Bauer in der Hoffnung, die er rund um das Linzer Parteiprogramm 1926 geweckt habe, „offenbart“, schreibt er, da ein Parteiprogramm politisch-praktisch die ihm zugedachten Funktionen nicht erfüllen könne.
Ein Defizit ist die fehlende Definition und Argumentation des Begriffs Illusionist, da mit diesem zwei Konnotationen mitschwingen: Die desjenigen, der selbst einer Illusion anhängt, sowie die desjenigen, der anderen eine Illusion vorgaukelt. Für beide Varianten bietet Hanisch mögliche Anker in seinem Buch: Einerseits der vom Sozialismus überzeugte Bauer („Die tiefste emotionale Grundlage für diesen Glauben findet sich in der Sehnsucht nach Gerechtigkeit: einer ehrenhaften, noblen Sehnsucht. Dass sich dieser Glaube im Laufe des 20. Jahrhunderts als Illusion herausstellte, war die Tragik des Lebens von Otto Bauer.“ ) und andererseits der versagende Politiker. Diese Unbestimmtheit hätte Hanisch nicht im Raum stehen lassen sollen.

Es gibt im Buch auch kein resumierendes Schlußkapitel, in dem Hanisch diese Fragen aufnehmen könnte, sondern lediglich einen Schlußabsatz, in dem Hanisch seine Grundthesen rekapituliert. Das ist analytisch zu wenig, auch wenn Hanisch in diesem Absatz sein Resumé von Otto Bauers Biographie bei aller Kritik prägnant formuliert: „ein gescheiterter Politiker in einigen zentralen Bereichen, aber ein Historiker und Sozialwissenschaftler von Format. Trotz vieler Irrtümer hielt er an der Humanität der Menschen fest; kein Zyniker der Macht, persönlich bescheiden, glaubt er an die große Mission des Sozialismus − das war seine große Illusion.“ Zur Argumentation hätte ich gerne mehr gelesen.

Für Hanisch bleibt Bauer aber „der größte Politiker-Intellektuelle in Österreich im 20. Jahrhundert“. Damit hat er ohne Zweifel recht. Hier kommt bei Hanisch aber auch der Vorwurf in der Charakterisierung als Hamlet hinzu: „der Politiker in Bauer drängte zu Entscheidungen, der Intellektuelle dachte in Alternativen, wurzelte wohl auch in seiner Persönlichkeitsstruktur, auf Vermittlung ausgerichtet und gleichzeitig voller Scheu, eindeutige Entschlüsse zu treffen.“ Ernst Hanisch würdigt den politischen Schriftsteller und analytischen Historiker Bauer und kritisiert den Politiker Bauer hart.
Letzteres ist eine streitbare, aber vertretbare Position, wenngleich in der langen politischen Karriere Bauers auch Positives zu finden gewesen wäre. Unter Rückgriff auf Ludwig Leser macht Ernst Hanisch als zentrale Problematik des Politikers Otto Bauer nicht den Widerspruch von Theorie und Praxis bzw. pragmatischer Politik und radikaler Sprache aus, wie dies Norbert Leser tut, sondern eine Politik von einerseits/andererseits, „die Differenz zwischen dem scharfblickenden Analytiker und dem oft handlungsunfähigen Praktiker der Politik“.

Auch mich faszinieren die historisch-politischen Schriften Otto Bauers jedes Mal aufs neue. Ich habe die Lebensaufgabe der 9.000 Seiten der Werkausgabe bei weitem nicht alle durchgearbeitet, aber doch einiges studiert und mit hohem Genuß gelesen. Hanisch teilt meine Faszination, wenn er über Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, Otto Bauers mit Mitte zwanzig geschriebenem Erstlingsbuch aus dem Jahr 1907, schreibt: „Bereits mit dem ersten Buch trat er fertig vor das Publikum. Das marxistische Grundgerüst, angereichert durch die zeitgenössische ,bürgerliche‘ Wissenschaft (hier durch Kant), eine Methode, die leicht zur Rechthaberei verführte, ein prinzipiell historischer Zugang zu den Problemen (dabei gelingen ihm packende, holzschnittartige historische Skizzen), die Verwendung ausführlicher Statistiken als empirische Basis und der Mut, Kernprobleme seiner Zeit und der Gesellschaft direkt anzugehen (in diesem Fall das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie).“
Damit bringt Hanisch die Meisterschaft Otto Bauers in wenigen Worten präzise auf den Punkt. Auch sein Einwand, „die marxistische Vorgabe zwang Otto Bauer gleichzeitig in ein deterministisches Gefängnis; immer wieder verführte sie ihn zu Voraussagen aufgrund der vermeintlich ehernen historischen Gesetze, die häufig von der Realität falsifiziert wurden“, stimmt zwar für den Historiker, es gibt bis heute aber auch gescheite politische Autorinnen und Autoren, die in ihren Büchern ebenso oft falsch liegen, wenn man sie im zeitlichen Abstand liest.
Dies gilt auch für Bauers zweites großes Buch Die österreichische Revolution, seine Geschichte der Entstehung der Republik aus dem Jahr 1923. „Bauer schrieb eine Gesellschaftsgeschichte, eine transnationale Geschichte, bevor es die Namen dieser historischen Paradigmen gab.“ hält der Geschichtswissenschaftler Hanisch fest.

Hanisch bringt Informationen über den privaten Menschen Otto Bauer in bisher ungekannter Fülle und korrigiert Details und Legenden.
Über das Seelenleben Otto Bauers nach Gefangennahme an der russischen Front im Ersten Weltkrieg gibt es wenig Quellen. Diese Lücke füllt Hanisch durch psychologische Mutmaßungen: „Bauer war bedrückt. Hatte er durch denn ,übereilten Entschluß zum Sturm‘eine Katastrophe ausgelöst? ... Wie läßt sich diese übergroße militärische Schneidigkeit Bauers erklären? Den politischen Hintergrund habe ich bereits beschrieben. Hinzu treten wohl auch persönliche Gründe, die des Juden und des Intellektuellen. Als Jude war er ständig mit dem Vorwurf der Feigheit und Unmännlichkeit konfrontiert, als Intellektueller mit dem Vorwurf der Kopflastigkeit und der Stubenhockerei. Seine forcierte Tapferkeit könnte so eine Überreaktion auf diese latenten Vorwürfe gewesen sein.“ Könnte. Hanisch formuliert zu recht im Konjunktiv, denn auch wenn seine Annahmen plausibel und möglich sind, bleiben sie doch eine Vermutung.

Ein schlimmes Mißgeschick (von Lektorat und Verlag?) ist das Fehlen des Anmerkungsapparats. So kann man nur mutmaßen, ob Hanisch in den jeweiligen Fußnoten eine Literaturangabe machen oder einen Gedanken formulieren wollte.

Ernst Hanisch hat mit seiner Biographie einen Meilenstein gesetzt, um den man künftig in Beschäftigung mit der Person Otto Bauer nicht herumkommen wird. Er füllt damit eine große Lücke. Leider trüben aber unverständliche Unklarheiten und nicht argumentierte Thesen diese Leistung.



Eine kleine Auswahl von Otto Bauer aus meiner Bibliothek:

Montag, 15. August 2011

Der Parthenon




Mary Beard
Der Parthenon
Stuttgart 2009 (Reclam)
240 S.








Da im anstehenden London-Aufenthalt eine eingehende Besichtigung des British Museum am Plan steht, habe ich mich ein wenig in die Geschichte von dessen bedeutendstem Ausstellungsstück, dem Fries des Parthenons, eingelesen.

Die Altertumswissenschaftlerin Mary Beard hat dazu 2002 ein lesenswertes Buch veröffentlicht, dessen 2009 erschienene Übersetzung von Ursula Blank-Sangmeister und Anna Raupach den schwungvollen und flott zu lesenden Sprachstil vermittelt.

Der über allem stehenden und seit fast zwei Jahrhunderten währenden Streitfrage, ob die mehr oder weniger brutale Demontage der Skulpturen von der Ruine des antiken Parthenon-Tempels auf der Akropolis von Athen und ihr Abtransport nach England Anfang des 19. Jahrhunderts mehr Raub oder mehr Rettung war, nähert sich Beard in nüchterner Herangehensweise. Sie beleuchtet beide Seiten .

Überaus spannend macht das Buch Beards Ansatz, die Geschichte des Parthenons nach der Antike genauso zu betrachten wie zur Zeit seiner Entstehung: „Der Parthenon ist schließlich auch eine moderne Ikone, nicht nur eine antike Ruine. Wenn wir seine Bedeutung in der antiken Welt erfassen wollen, müssen wir auch verstehen, was mit ihm in den vergangenen 2000 Jahren passiert ist“. Bemerkenswert für eine Althistorikerin nimmt sie so das Bauwerk in größerem Kontext ins Blickfeld als allein im Fokus auf das 5.Jh.v.u.Z.

Beard verweist darauf, daß sowohl die Umwandlung des Gebäudes für christliche als auch später für islamische Zwecke zentral wichtig war, um es zu erhalten und so seinen Fortbestand zu sichern. „Als die neuen türkischen Herrscher den Parthenon in den frühen 1460er-Jahren zu einer Moschee umfunktionierten, war er de facto etwa genauso lange eine christliche Kirche wie vorher ein heidnischer Tempel gewesen. Die meisten modernen Wissenschaftler (und Reiseführer) [...] nehmen keine Notiz von den glorreichen Zeiten des Parthenons als Kirche der Heiligen Maria von Athen. Erst recht keine Notiz nahm man von der Moschee, der nächsten Metamorphose des Parthenons.“

Zur Verteidigung der Stadt wurde die Anlage der Akropolis hoch über Athen immer schon genutzt. So auch Ende des 17. Jahrhunderts von den damaligen osmanischen Truppen. Dabei kam es zur Katastrophe.
„Die Türken hatten, gelinde gesagt, sehr großes Pech mit ihren Pulverdepots“, schreibt Beard. „Im Jahr 1645 schlug in das Magazin in den Propyläen der Blitz ein, die Familie des Disdar kam dabei ums Leben und das Bauwerk trug starke Schäden davon. Als Athen 1687 erneut angegriffen wurde, diesmal von venezianischen Streitkräften einer gegen das Osmanische Reich gerichteten Heiligen Liga, beschloss man, die Munition (zusammen mit den Frauen und Kindern) stattdessen im Parthenon unterzubringen. Möglicherweise vertrauten sie, so die Meinung eines venezianischen Historikers, ,auf die Stärke der Wände und Gewölbe‘. Oder vielleicht dachten sie auch, dass die gegnerischen Christen nicht versuchen würden, ein Gebäude zu zerstören, das so lange Zeit eine berühmte Kirche gewesen war. Wie auch immer, sie waren gewaltig im Irrtum. Die venezianischen Armee unterstand einem schwedischen General, Graf Koenigsmark, und dieser bombardierte den Bau. Noch erhaltene Spuren allein an der Westseite zeigen, dass etwa 700 Kanonenkugeln ihr Ziel trafen, und etliche der mörderischen Geschosse wurden noch an Ort und Stelle gefunden. Schließlich geschah das Unvermeidliche, das Munitionslager fing Feuer und es kam zu einer gewaltigen Explosion. 300 Menschen verloren dabei ihr Leben (was in der Geschichte der archäologschen Tragödie gewöhnlich vergessen wird), das Zentrum des Gebäudes flog in die Luft, 28 Säulen, Teile des Frieses und der Innenräume, die als Kirche und Moschee gedient hatten, wurden zerschmettert.“
Beard resumiert: „Von da an ist die Geschichte des Parthenons die Geschichte einer Ruine.“

Zu beachten ist, daß die Ruine, die nach 1687 bestand, einen weitaus ruinierteren Anblick bot als sie dies heute tut: „,Unser‘ Parthenon mit seiner unverwechselbaren Silhouette ist ein Werk des frühen 20. Jahrhunderts. Was die Explosion zurückließ, war ein Trümmerfeld mit einigen Säulen an jeder Seite.“ In den 1920er Jahren wurde Säulen aus verschiedenen Bruchstücken zusammengesetzt und aufgestellt und so erst der heutige Anblick einer durchgehenden Säulenreihe gestaltet.

Als symbolbeladener Ort des zunächst kleinen, neuen unabhängigen griechischen Staates wurde der Parthenon im Lauf des 19. Jahrhunderts bearbeitet und spätere Gebäude ungeachtet eigener jahrhundertealter Geschichte abgerissen. „Alles, was der Besucher heute sehen kann, ist das, was die Archäologen des 19. Jahrhundert für die Nachwelt erhalten wollten; ein paar klassische Monumente aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., die in herrlicher (beklemmender) Vereinzelung dastehen und ihrer späteren Geschichte weitestgehend beraubt sind.“

Ein sehr gut geschriebenes, kurzweiliges und dabei überaus informationsreiches kleines Buch.

Dienstag, 8. Februar 2011

Über Kreisky




Helene Maimann
Über Kreisky
Gespräche aus Distanz und Nähe
Wien 2011 (Falter Verlag)
280 S.







Dieses Buch erschien in Ergänzung zu einem Film, den Helene Maimann aus Anlaß des 100. Geburtstags Bruno Kreiskys herausbrachte. Es läßt die Interviews mit den Geprächspartnerinnen und Gesprächspartnern des Films im Volltext nachlesen. Buch wie Film lassen aus den vielschichtigen Erzählungen ein interessantes Bild der Person entstehen.

Franz Vranitzky hat in seinem Vorwort recht, wenn er schreibt, daß sich das Buch „gleichermaßen aufschlußreich wie erfrischend“ liest und man nicht nur einiges über Kreisky lernt, „sondern auch so manches über die Interviewten“. Helmut Schmidt äußert sich etwa mehr über politisch-philosophische oder weltpolitische Fragen und hat augenscheinlich über Bruno Kreisky wenig zu sagen.

Das Interesse Maimanns an den Vorgängen rund um den Terrorüberfall auf jüdische Flüchtlinge aus der Sowjetunion 1973 bildete schon im Film einen kleinen Schwerpunkt (der beeindruckende Auftritt Kreiskys bei der Pressekonferenz!) und findet auch in den Langfassungen der Gespräche seinen Niederschlag.

Ansprechend in der grafischen Aufmachung des Texts war die Gestaltung der Anmerkungen als Randglossen, wie im neuen Layout des Falter praktiziert. Die auf eine ganze Seite aufgeblasenen Zitate zu Beginn der Interviews sehen dagegen unschön aus.

Das spannende und kurzweilige Buch läßt sich regelrecht verschlingen. Mit Interesse habe ich die prägnanten Einschätzungen nachgelesen, die schon im Film auffielen, wie etwa Oliver Rathkolbs bemerkenswertes Bild von der Betonmischmaschine: „Das Kreisky in einem Land mit einem so hohen Anteil an ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, SS-Angehörigen, Wehrmachtsangehörigen doch eine derartige politische Karriere erzielt hat, ist sicher ein Paradoxon und hängt primär damit zusammen, daß er sich diesem engen geschichtspolitischen Rahmen − die Gräben zuschütten, möglichst nicht darüber reden − dann letzten Endes angeschlossen hat und sogar versucht hat, noch einmal eine Betonmischmaschine darüberfahren zu lassen.“

Mittwoch, 2. Februar 2011

Das Bruno Kreisky Album



Andreas Pittler
Das Bruno Kreisky Album
Schleinbach 2010
(Edition Winkler-Hermaden)
112 S.






Eine Anzahl sehr netter und teils unbekannter Bilder von Bruno Kreisky bietet dieser Band, was angesichts der zahlreichen Publikationen und medialen Omnipräsenz über die Jahrzehnte durchaus bemerkenswert ist.

Ein Highlight ist dabei das Bild, in dem ein schon älterer Kreisky, wohl Anfang der 1980er Jahre, als Beifahrer neben einem Kind im Autodromwagen sitzt (hier zur Ansicht). Er schaut dabei etwas unrund aus. Ein dennoch wohl gut inszeniertes Motiv. Das sind Bilder, nach denen Pressephotographen gieren und die Presseverantwortliche erfreuen. Der Bildtext besagt, Kreisky „suchte selbst im Wiener Prater das Gespräch und war auch für Freizeitvergüngungen jederzeit zu haben.“ Die Textierung im Stil einer Werbebroschüre beleuchtet das Hauptproblem des Buchs: So gut die Bilder sind, so schwach ist der Text. Von Andreas Pittler erschien bereits eine kurze Biographie Kreiskys, die zwar informativ, aber unkritisch ist. Dieses Problem hat sich hier, bei weniger Text, verschärft. Keine Analyse, sondern Aneinanderreihen von Fakten. Es ist zu empfehlen, nur die Bilder anzusehen und den nur für Einsteigerinnen und Einsteiger ohne Vorkenntnisse geeigneten Begleittext lieber nicht zu lesen.

Eine glatte Fehlinformation bietet das Buch auf Seite 14, wo es heißt, daß Bruno Kreisky „am 1. Februar 1967 mit überwältigender Mehrheit zum fünften Vorsitzenden in der Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie gewählt“ wurde. Bei aller Liebe zur Hagiographie: Kreisky erhielt damals mit 69,8 Prozent das niedrigste Ergebnis, das jemals in der Geschichte ein SPÖ-Parteivorsitzender bei seiner Wahl erhielt (fast 20 Prozentpunkte unter dem zweitschlechtesten Ergebnis, Fred Sinowatz 1987 mit 88%). Die Zahl war aufgrund der Vorgeschichte mit Kreisky als Gegenkandidat zum Favoriten von Wiener Landespartei, Gewerkschaft und bisherigem Parteivorsitzenden, verständlich. Die Wahl Kreiskys war sensationell, aber „überwältigend“ war sie nicht. Am nächsten Parteitag, 1968, erhielt Kreisky dann schon 97 Prozent.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Bruno Kreisky




Wolfgang Petritsch
Bruno Kreisky
Die Biografie
St.Pölten/Salzburg 2010 (Residenz)
420 S.







Das Buch, das man zum 100. Geburtstag Bruno Kreiskys lesen muß. Bisher lag von Wolfgang Petritsch, seinem Mitarbeiter von 1977 bis 1983, ein kürzerer biographischer Essay vor (2000 erschienen), der von ihm nun zu einer wuchtigeren Biographie ausgeweitet und vertieft wurde.
Auch wenn man meint, viel vom Leben Kreiskys zu wissen, man ja schon einiges gelesen hat, bietet das Buch einen interessanten Einblick und bringt manch Neues.

Am spannendsten ist ja immer wieder die erste Hälfte von Kreiskys Leben. Oftmals führte er ja später selbst seine Politik auf seine prägenden Erfahrungen als vom Austromarxismus begeisterter Jugendlicher, politischer Häftling des Austrofaschismus, Flüchting vor dem Naziregime und Exilant in Schweden an. Petritsch liefert hier eine detailreiche und farbige Schilderung, die mit Gewinn und Genuß zu lesen ist.

Tiefe Spuren in der Geschichte der Zweiten Republik hat Bruno Kreisky als Bundeskanzler von 1970 bis 1983 hinterlassen. Vor allem in den ersten Jahren „galt Bruno Kreisky, der ,Mediator der Veränderung‘, schlechthin als Inbegriff des Fortschritts“, wie Petritsch schreibt. „Kreisky verstand es, eine gleichermaßen von den rasanten technologischen Entwicklungen in der Welt angetriebene Aufbruchstimmung geschickt zu nutzen. Von ihm erwarteten nun viele einen österreichischen Weg in die Moderne, den Anschluß an die machtvollen Trends der damaligen Gegenwart.“ Der Modernisierungsschub der siebziger Jahre ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Kreisky trug als Kanzler maßgebliche Verantwortung dafür. Vor allem der Reformfurioso der ersten Legislaturperiode mit absoluter Mehrheit 1971−1975 beeindruckt in jeder Hinsicht. Das Österreich vor den damaligen Gesellschafts-, Sozial- und Bildungsreformen ist heute fern wie das 19. Jahrhundert. Über diese Leistungen erfährt man in Petritschs Buch allerdings sehr wenig. Die Person steht hier stärker im Vordergrund als seine (Innen-)Politik. Hier hätte man gerne mehr gelesen. Auch Kreisky in seiner Eigenschaft als Parteivorsitzender kommt mir etwas zu kurz, sowohl in der Oppositions- als auch in der Regierungszeit.

Der aktiven Außenpolitik Kreiskys räumt der Diplomat Petritsch dagegen mehr Platz ein. Kenntnisreich beleuchtet er dessen Versuche, in der Nahostpolitik Akzente zu setzen. Er scheut auch nicht vor harten Urteilen und dem Aufzeigen von Fehlentwicklungen zurück. So sind Petritschs differenzierte Analysen der Konflikte Kreiskys mit Simon Wiesenthal und mit Hannes Androsch eine Stärke des Buchs. Er flüchtet sich nicht in populärpsychologische Ausführungen, sondern analysiert die heftigen persönlichen Auseinandersetzungen anhand zugrundeliegender politischer Konflikte. Ohne Kreiskys nicht zu entschuldigenden Attacken auf Wiesenthal jenseits von gut und böse zu relativieren, beschreibt er als Kreiskys Motiv, Wiesenthal als ÖVP-Parteigänger anzugreifen, was ein größeres Erklärungsmoment besitzt als alleiniges Kaprizieren auf „jüdischen Selbsthaß“ und dergleichen.

Petrisch schöpft in seiner Biographie aus einem großen Fundus an Erinnerungen, Gesprächen und schriftlichen Quellen. Leider kennzeichnet er aber überwiegend nicht, woher sein Zitat kommt oder worauf seine Darstellung fußt. Manchmal läßt es sich aus dem Zusammenhang vermuten. Bei dem hochspannenden Archivstück der Einschätzung des US-Botschafters über die Person Kreiskys aus dem Jahr 1959 versieht Petritsch dies mit einer wissenschaftlich allen Anforderungen entsprechenden Quellenangabe. Bei manchen Bezügen auf andere Personen beruft er sich auf Gespräche oder einen Briefwechsel mit diesen. Doch in Summe bleibt hier leider eine Lücke, die ein dickes Malus des Buchs für eine weitere Verwendung ist.
Dennoch wird man fortan um dieses Buch bei der Beschäftigung mit Kreisky nicht herumkommen. Es ist ein großer Wurf.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Das Kreisky-Prinzip




Margaretha Kopeinig /
Wolfgang Petritsch
Das Kreisky-Prinzip
Im Mittelpunkt der Mensch
Wien 2009 [recte 2008] (Czernin Verlag)
239 S.







Über Bruno Kreisky erschienen und erscheinen viele Bücher − gerade anläßlich seines 100. Geburtstags, den er dieser Tage, am 22. Jänner, gefeiert hätte. Sie beschäftigen sich mit Biographie und der Historisierung der Politik Zeit seines Lebens und ich bin wohl der letzte, der historische Literatur nicht gerne liest. Doch gerade anläßlich der nun hereinbrechenden Feierlichkeiten ist das bereits 2009 veröffentlichte Buch der Journalistin Margaretha Kopeinig und des Diplomaten und ehemaligen Kreisky-Mitarbeiters Wolfgang Petritsch eine lohnende Lektüre, da es einen etwas anderen Zugang wählt.

Thema des Buchs ist Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik. Die Kreisky-Ära 1967/70−1983 unter den Maximen der Vollbeschäftigung und der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wird durch Interviews mit Mitstreitern dargelegt. Aufschlußreich dabei vor allem die Gespräche mit Ernst Eugen Veselsky, Hannes Androsch und Hans Seidel. Der Bogen reicht und den Anfängen der Politikkonzeption der SPÖ-Wirtschaftspolitik in der Opposition Ende der sechziger Jahre bis zu ihrer Krise in den 1980er Jahren. Die subjektiven Sichtweisen und auch Gegensätze der Gesprächspartner im einzelnen (v.a. Veselsky vs. Androsch und vice versa) stehen nebeneinander. Bewertung und Urteilsfindung überlassen Autorin und Autor der Leserin und dem Leser. Ein Manko.
Die Wirtschaftspolitik der siebziger Jahre bleibt bis heute Gegenstand innenpolitischen Streits. Hier beziehen Kopeinig/Petritsch dann doch klar Position: „Es ist einfach falsch zu sagen − und Wirtschaftswissenschaftler, ehemalige Spitzenpolitiker und Interviewpartner in diesem Buch bestätigen das −, daß wir heute noch die Schulden Kreiskys zurückzahlen. Die Ära Kreiskys ging 1983 zu Ende, die Staatsschulden von damals sind längst getilgt, aber die Infrastruktur, die damit finanziert wurde, ist noch vorhanden und nützt den auf Kreisky folgenden Generationen von Österreicherinnen und Österreichern.“

Der spannende Moment des Buchs ist ein anderer. Kopeinig und Petritsch legen ihr Augenmerk auf das Spätwerk Bruno Kreiskys als elder statesman, seine Tätigkeit als Vorsitzender der Europäischen Kommission für Beschäftigungsfragen („Kreisky-Kommission“) 1986−1989 (initiiert vom Europäischen Gewerkschaftsbund), die Vorschläge zur Umsetzung einer europäischen Beschäftigungspolitik erarbeitete. Der über nationalstaatliche Grenzen hinaus gedachte europäische Politikansatz, mit Investionen im Umweltbereich, in Bildung, Forschung und Innovation ist für seine Zeit bemerkenswert.
Die Beurteilung der Person Kreiskys greift zu kurz ohne gebührende Beachtung dieser letzten Phase seines politischen Wirkens. Sie wurde in der österreichischen Rezeption Kreiskys bisher vernachlässigt. Hier liegen wesentliche Anknüpfungspunkte für eine heutige Politik. Darauf hinzuweisen ist Kopeinigs und Petritschs Verdienst, denn, wie sie schreiben: „Während die EU-Staaten und die Europäische Union als Ganzes punktuell und mit ständig großem rhetorischen Aufwand versuchen, Lösungen im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut zu finden, fehlt der umfassende Ansatz und/oder der politische Wille dazu.“

Leider liest sich das Buch streckenweise redundant. Der ehemalige Kommissionspräsident Jacques Delors wird mehr als oft lobend erwähnt. Daß der Bericht der Kreisky-Kommission Eingang ins Weißbuch der EG-Kommission von 1993 gefunden hat, weiß man spätestens ab der dritten Erwähnung ganz sicher. Der Abschnitt zur Entwicklung der aktuellen EU-Beschäftigungspolitik ist etwas zu institutionenorientiert und daher, wenngleich informativ, langatmig. Der Versuch der Aktualisierung von Kreiskys Spätwerk ist es aber wert, manch formale Trockenheit zu ignorieren und das Buch zur Hand zu nehmen.

Freitag, 8. Mai 2009

"Auch schon eine Vergangenheit"




Ulrike Felber (Hg.)
"Auch schon eine Vergangenheit"
Gefängnistagebuch und Korrespondenzen von Bruno Kreisky
Wien 2009 (Mandelbaum Verlag)
162 S.







Das Buch versammelt viel biographisches Material zur Jugend von Bruno Kreisky. Ulrike Felber präsentiert interessante Dokumente wie Briefe Kreiskys an eine deutsche Sozialdemokratin vor 1934, in denen er die politische Entwicklung in den letzten Jahren der Republik kommentiert, sein in austrofaschistischer Haft geschriebenes Gefängnistagebuch, Kassiber an Mithäftlinge und Briefe aus der Haft an einen Freund und an seine Eltern. Eingebettet in umfangreiche Hintergrundinformationen zum historischen und biographischen Kontext.

Es krampft einen zusammen, wenn man Kreiskys Tagebuchnotiz liest, wie der damals 24-Jährige aufgrund seines "Verbrechens" sozialdemokratischer politischer Aktivität 1935 verhaftet wurde:
"Trotzdem war ich heiter u[nd] recht guter Dinge. Wie ich jedoch hinter mir die erste Gittertür ins Schloß fallen hörte, gab es mir einen leichten Riß. Man begibt sich in eine Höhle, um den Ausgang besser zu finden, rollt man einen Faden ab, der reißt plötzl[ich] irgendwo. Man wird schon hinausfinden, denkt man beruhigend nach dem ersten Schrecken, dann merkt man, daß die Höhle viele Gänge hat. Man findet doch nicht sobald hinaus wie man dachte."

Nichts kann das Erleben, ins Gefängnis geworfen zu werden, nachvollziehbarer machen als wenn Bruno Kreisky, den die Politjustiz mit seinen Mitverhafteteten monatelang ohne Anklage "dunsten" ließ, verzweifelt schreibt: "Warum habe ich schon 14 Tage keinen Brief v[on] R. bekommen? Das beunruhigt mich. Ist irgendetwas geschehen? Wissen die draußen denn nicht, wie man auf ein paar Zeilen wartet?"

Wie viele andere SozialdemokratInnen in der Geschichte vor ihm, wie auch schon Victor Adler im Gefängnis der Monarchie oder August Bebel in Deutschland, nützte Kreisky die Zeit als "Haftuniversität", in der er - so systematisch wie es ihm möglich war - greifbare historische und politische Literatur studierte, von 6 Uhr morgens von 6 Uhr abends, wie er berichtet. Wenn der spätere Politiker aus schier unerschöpflichem Fundus an theoretischem und historischem Wissen schöpfte, lag hier die Grundlage.

Ein sehr verdienstvolles Buch, das einem mit seinen Dokumenten sehr stark den Mensch Kreisky in seinen prägenden Erfahrungen als junger Mann näher bringt.

Freitag, 3. April 2009

Die Ära Kreisky und ihre Folgen



Wolfgang Maderthaner / Siegfried Mattl / Lutz Musner / Otto Penz
Die Ära Kreisky und ihre Folgen
Fordismus und Postfordismus in Österreich
M.e.Vorw.v. Hannes Androsch
Wien 2007 (Löcker)
211 S.






Das Buch ist keine eigentliche historische Darstellung der sozialdemokratischen Regierungszeit unter Bundeskanzler Kreisky 1970-1983, sondern ein theoretische Verortung derselben.
"Man wird die Kreiskysche Moderne und die in ihr angelegten politischen und kulturellen Potenziale einer kritischen Analyse allerdings nur dann unterziehen können, wenn man ihre Logik in den Kontext tendenziell global wirksamer Regimes ökonomischer Regulation stellt, also die österreichische Kultur der 1970er Jahre im Zusammenhang mit einer lokalen Ausprägung eines international bestimmten Fordismus/Keynesianismus zu verstehen und darin den Begriff des Politischen zu verorten versucht." schreiben Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner.

Das Spezifische am österreichischen Fordismus (industrielle Massenproduktion von Konsumgütern, Massenkonsum dieser durch die Mittelklasse und aufsteigende Facharbeiterhaushalte, Vollbeschäftigungspolitik und Sozialstaat, Sozialpartnerschaft etc.) seien weniger diese Merkmale, sondern, daß er erst nach der Wirtschaftskrise 1973/74 seine Blüte erreichte. Maderthaner und Musner interpretieren die 70er Jahre als "nachholende wirtschaftliche Modernisierung", korrelierend mit einem "gesellschaftlichen Reformschub", von dem sie "ihre politisch-kulturelle Legitimation" erhält. "Die damit bewirkte kontingente Engführung von Wirtschaft, Politik und Kultur verdichtet sich zu einer Konstellation, die - international beachtet - als 'österreichischer Weg' für ein Jahrzehnt hegemonialen Status erreicht." Repräsentiert durch Bruno Kreisky als Person, der nicht nur "die Neumodellierung des Politikers als Medienikone, sondern auch eine außergewöhnliche und eigentümliche Mischung von Geschichte, Gedächtnis und Gegenwartspolitik" darstellte.
Postfordismus heißt in Österreich dann Absatzkrise für klassische Industriegüter und Hinwendung zu Hochtechnologie und Dienstleistungen, Rationalisierung und Flexibilisierung, Rücknahme sozialstaatlicher Regelungen, Schwächung von Gewerkschaft und Sozialpartnerschaft, Sockelarbeitslosigkeit statt Vollbeschäftigung, Transnationalisierung der Wirtschaft durch Verkauf von Unternehmen ans Ausland und Vorbereitung des EU-Beitritts etc. Spezifisch an der österreichischen Situation sei hier wiederum die die "diskursive, d.h. politische Konstellation": Denn während dies international unter "konservative Revolution" und Neoliberalismus lief, geschieht dies in Österreich durch eine Rückkehr zur Großen Koalition.
Weiters kontextualisieren Maderthaner und Musner hierin die Kritik von Josef Haslinger oder Robert Menasse an der österreichischen Politik und Gesellschaft Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre.

Sehr wichtig ist auch ihr Hinweis, daß die Sozialpartnerschaft "als spezifisch österreichische Kultur eines fordistischen Produktionsregimes" der 60er und 70er Jahre "- topographisch gesehen - überwiegend eine Sache weniger Industrieregionen und wirtschaftlich potenter (Klein)Städte" war und "keine Sache der agrarisch und alpin bestimmten Regionen Österreichs", wo "nach wie vor eine weitgehend ständisch bzw. hierarchisch organisierte Gesellschaft" vorherrschte.
"In der Provinz gab es nämlich - im Gegensatz zu den Städten und Industrieregionen - keine tradierte Kultur des Industrialismus, an die der Fordismus als kulturelle Formation hätte anschließen können. Somit blieben seine Veränderungspotentiale auf den ökonomischen Sektor (Landwirtschaft, Industrialisierung der Lebensmittelproduktion, agrarische Infrastruktur) und teilweise den sozialen Sektor (Familienstrukturen) beschränkt. Die tradierte Kultur der Provinz, ihr spezifisches Amalgam von Religion, kleinteiligen Lebenswelten, Autoritätsgläubigkeit und weltanschaulichem Konservatismus befand sich zwar im Wandel und in der Wertekonkurrenz, wurde aber nicht durch eine Kultur ersetzt, die mit den neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen korrespondierte."

Gegenüber der Wucht des Texts von Maderthaner und Musner stehen die weiteren Beiträge des Bandes etwas zurück. Sie haben aber auch eher die Aufgabe, die eingangs aufgestellten Thesen zu untermauern. So schreibt Otto Penz hierzu zur ökonomischen bzw. wirtschaftspolitischen Dimension der Kreisky-Zeit und Siegfried Mattl über Kunst, Kultur und Kulturpolitik.
Persönlich interessant, aber kontextlos schließen das Buch zwei Interviews mit Johanna Dohnal und Erwin Lanc ab. Leider wurde bei letzteren nicht vermerkt, wer diese Gespräche führte (und wann und wo).

Ein spannendes Buch.

Mittwoch, 11. März 2009

Österreich. 90 Jahre Republik


Stefan Karner / Lorenz Mikoletzky (Hg.)
Österreich. 90 Jahre Republik
Beitragsband der Ausstellung im Parlament
Red.: Manfred Zollinger
Innsbruck/Wien/Bozen 2008
(Studien Verlag)
636 S.





Das Problem dieses Sammelbandes: Es scheint, daß kein Konzept dahinter steht, sondern es sich um eine Addition von Beiträgen handelt.
So stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien manche Artikel die Anfangsjahre der Ersten Republik behandeln und andere einen Querschnitt über 90 Jahre geben. Dies ist für einzelne Beiträge logisch, im Gesamtzusammenhang klafft allerdings eine Lücke. Die Entwicklung der politischen Parteien ist so etwa auch nach den 1920er Jahren interessant. Die politische Entwicklung der Zweiten Republik wird überhaupt ausgeblendet. "Heiße", aktuellere, politische Konflikte kommen in vielen Artikeln schlicht nicht vor.
Anstelle eines einführenden Beitrags, der eine Klammer skizzieren hätte können, gibt es gerade mal eine Seite "Einführende Bemerkungen" der Herausgeber Karner und Mikoletzky, die ein "Bukett an Aufsätzen" ankündigen. Man muß "keinen Anspruch auf Vollständigkeit" erheben, aber ein über die Darbietung eines Buketts hinausgehendes Konzept ist kein Fehler.

Die Qualität der einzelnen Artikel ist mehr als heterogen.
Es gibt Beiträge von Fachleuten, die in ihrem Spezialgebiet brillante Kurzdarstellungen bieten, so u.a. Helmut Konrad über die Sozialdemokratie in der Ersten Republik, Robert Kriechbaumer über die Christlichsozialen in der Republiksgründungsphase, Hannes Leidinger über die Rätebewegung, Brigitte Bailer-Galanda über Verfolgung und Widerstand 1938-1945, Winfried R. Garscha über Entnazifizierung und Kriegsverbrecherprozesse nach 1945, Rolf Steininger über Südtirol, Emmerich Tálos über Arbeitslosigkeit und Sozialpolitik, Oskar Achs über Politische Bildung an den Schulen, Ernst Bruckmüller in einem weiteren Artikel über die Findung der österreichischen Nation im Kleinstaat. Hier wurde (von usual suspects) hohe Qualität versammelt und publiziert.

Es gibt aber auch anderes. Da meine ich jetzt gar nicht Dinge wie eine Darstellung der Rolle der katholischen Kirche, die ihren Weg - übrigens nicht nur im Buch, sondern notabene auch in der Ausstellung - wenig hinterfragt als "von der Stütze der Monarchie zur Mitgestalterin des demokratischen Staatswesens" beschreibt. Ihre Rolle als aktive politische Partei in der Ersten Republik wird nicht verschwiegen, die Implikationen und Folgen dieser Rolle und der wesentliche Beitrag am Schaufeln des Grabes der Demokratie und deren Abkrageln aber doch sehr geglättet. Oder wenn im Artikel über die Universitäten die heftigen Kontroversen um die Gesetze von 1975 und 2002 nicht erwähnt und hier ein sich aus der Logik der Sache ergebender Weg in "Autonomie" erscheint anstelle politischer Entscheidungen. Darüber kann man streiten und da spielt eine Portion Ideologie mit, ich geb's zu.
Aber angesichts der Folgenschwere (!) der Einschnitte das austrofaschistische Regime der Jahre 1933/34-1938 schlicht auszublenden und die Nazizeit und ihre Bewältigung auf 23 Seiten (von 636 - wir sprechen von 3,6 Prozent) zu drängen ist eines Buches zur Geschichte Österreichs in den letzten 90 Jahren unwürdig.

Dazu kommen noch Beiträge wie Gabriela Stiebers Artikel über "Migration und Zwangsmigration in Österreich", der eine Aneinanderreihung von Fakten ohne Analyse bietet, die Flüchtlings- und Vertriebenenlager des Ersten Weltkriegs schildert ohne deren sanitäre Bedingungen zu erwähnen und nicht auf die heiße Asyldiskussion der letzten beiden Jahrzehnte eingeht. Dabei wäre dieses Thema doch ein Paradefall, wo "bis heute wirksame Entwicklungsstränge dargestellt werden" könnten, wie das Karner und Mikoletzky als Inhalt des Bands beschreiben.
Stefan Karner schreibt in seinem Text über die Kärntner Minderheitenfrage vorzugsweise über sich selbst in der dritten Person und bietet Scheinobjektivität anstelle eines inneren Blicks auf einen Lösungsversuch Mitte der 2000er Jahre. Eine vertane Chance.
Den Vogel schießt aber ein Text von Helmut Wohnout über die wechselvolle und nicht unspannende Geschichte eines katholischen Pilgerheimes in Jerusalem ab. Interessante Sache, da sich hier in der Geschichte eines Hauses viel vom Nahostkonflikt spiegelt, leider etwas spooky geschrieben - doch v.a.: Was hat das in diesem Zusammenhang hier zu suchen? Was lehrt uns das über die Geschichte von 90 Jahren Republik? Nichts. Schlicht nichts. Es hat damit nichts zu tun. Was soll das?!

So bleibt ein letztlich unzufriedener Blick zurück auf dieses Buch. Manches war erstklassig, dazu zählen auch die Beiträge des des Blick von außen über "Österreich im internationalen Gefüge". Manches war - politisch motiviert, das unterstelle ich mal - lückenhaft, wie u.a. gleich zwei Beiträge zum Militär, die aber beide nur jeweils einen Satz zu den Bürgerkriegs-Einsätzen des Bundesheers 1934 "brauchen". Manches einfach schlecht. Das konnte auch ein gutes Schlußkapitel über "Identität und Erinnerung" mit einem glänzenden Essay von Manfred Zollinger über das wirkungsmächtige, aber nicht belegte Zitat "der Rest ist Österreich" nicht retten.

Freitag, 20. Februar 2009

"Während der Schlacht ist es schwer, Kriegsgeschichte zu schreiben, ..."


Peter Goller
"Während der Schlacht ist es schwer, Kriegsgeschichte zu schreiben, ..."
Geschichtsschreibung der österreichischen Arbeiterbewegung vor 1934
(Quellen & Studien: Sonderband 10)
Wien 2009 (Alfred Klahr Gesellschaft)
112 S.





Peter Goller bietet im seinem, in der kommunistischen Alfred Klahr Gesellschaft erschienenen, Buch eine bemerkenswerte Tour d'horizon durch (auto-)historiographische Beiträge der Arbeiterbewegung in Österreich von den Anfängen bis 1934. Manche Ansichten und Einschätzungen kommen aus der politischen Positionierung links von der Sozialdemokratie, aus der heraus alles, was auch früher einmal Außenseiterstellung, Linksopposition oder radikal war, positiv wegkommt. Macht aber wenig, denn die Fülle an kurz präsentierter Literatur beeindruckt. Da stehen ohne Zweifel umfangreiche bibliographische Arbeiten dahinter, die man in jeder Zeile, jeder Seite direkt spürt.

Etwas schmunzeln habe ich dann doch müssen, wenn Goller über Ludwig Brügels klassische Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie aus den 1920er Jahren, deren Titelblatt auch das Buchcover schmückt, - richtig - schreibt "Über den umfangreichen Archivarbeiten kam die historisch-politische Problemgestaltung bei Brügel zu kurz."
Dies kann man Gollers Buch zwar nicht vorwerfen, allerdings wäre eine tiefgehendere Einleitung und ein Nachwort (der vorangestellte Abriß über die Arbeiterbewegungsgeschichtsschreibung nach 1945 hätte ein solches bilden können) gut gewesen, um einen Schritt heraus aus der Deskription zur Analyse zu machen.
Ich weiß wovon ich rede, da ich selbst immer den Hang zur bibliographischen Reichhaltigkeit anstelle der Analyse hatte/habe - der Fluch des Bibliophilen.

Verwundert hat mich, daß der Wert vieler historischer Arbeiten Otto Bauers nur verhältnismäßig kursorisch erwähnt wird. Es werden hier verdienstvollerweise einige weniger im Rampenlicht stehende Autoren gewürdigt, dennoch ist zumindest der Stellenwert von Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie oder Die österreichische Revolution auch im historiographiegeschichtlichen Zusammenhang doch so groß, das auf sie näher einzugehen wäre.

Dennoch: Eine große Freude, ein so gehaltvolles kleines Buch zu lesen!

Mittwoch, 14. Januar 2009

...der Rest ist Österreich







Helmut Konrad / Wolfgang Maderthaner (Hg.)
... der Rest ist Österreich
Das Werden der Ersten Republik
2 Bde.

Wien 2008
(Carl Gerold's Sohn Verlagsbuchhandlung)
392 S. + 304 S.
4 historische Karten









Ein neues Standardwerk über die ersten Jahre der Ersten Republik. Dank viel Freizeit rund um den Jahreswechsel war es mir glücklicherweise möglich, den zweibändigen Sammelband in verhältnismäßig kurzer Zeit zu lesen. Ein Genuß. Es beeindruckt auf den ersten Augenschein vor allem der Umfang. Bei der Lektüre fesselt dann der Inhalt - neben dem Text (Geschichtswissenschaft at its best) die gut ausgewählten und geschmackvoll präsentierten Photographien, die Karten sind eine nette Beilage.
Der erste Band beschäftigt sich mit dem Ende des Krieges, den neuen Staatsgrenzen und der neuen Politik in der turbulenten Anfangszeit der Republik. Der zweite Band ist der ökonomischen sowie der kulturellen Redimensionierung gewidmet.

Die Herausgeber Konrad und Maderthaner wollen mit ihrem Sammelband die "konstitutive Ambivalenz eines jungen Staates" ins Blickfeld rücken, die Erste Republik nicht "fast nur als Negativfolie zur Geschichte der Zweiten Republik" sehen. Nicht aufgrund der, in ihrer Massivität erdrückenden, Furchtbarkeit der Nazizeit den Blick auf die Bedeutung der Rolle des Ersten Weltkriegs und seiner Folgejahre als "Richtungsweisung für die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts" verlieren. Die Erste Republik hatte, wie sie schreiben, "ihre großen Probleme, von den Grenzziehungen über die Wirtschaftslage bis hin zur Militarisierung der Gesellschaft. Sie hatte aber auch ihre Meriten: die Verfassung, den Sozialstaat sowie wissenschaftliche und künstlerische Leistungen von Weltgeltung."
Für mich ist das größte Faszinosum der vergleichsweise wenigen Jahre von 1918/19 bis 1933/34 das hochaktive politische Leben dieser Zeit. Es war von derart großen Umwälzungen der politischen Rahmenbedingungen und persönlichen Lebensumstände der Menschen geprägt, wie wir sie heute nur schwer erfassen können. Das Hineinfallenlassen in Artikel, Bücher, Broschüren, Zeitungen, Protokolle der Zeit vermittelt immer wieder ein Bild von gleichzeitiger Nähe und Ferne - Vertrautheit der Orte, Umstände oder Themen bei völlig anderer Art von Lösungsperspektiven und Herangehensweisen. Dazu kommt die außerordentliche Suggestivkraft, die viele zeitgenössische austromarxistische Texte bei mir erzeugen.
K. hat mich unlängst gefragt, ob ich ein Lieblingsbuch habe - und ohne viel nachzudenken hab' ich Die österreichische Revolution von Otto Bauer (1923) genannt. Das kommt nicht von ungefähr.

Im ersten Band widmen sich zunächst zwei Beiträge von Manfried Rauchensteiner und Lutz Musner der Erfahrung des Weltkriegs. Rauchensteiner erzählt militärgeschichtlich, angereichert um die Eindrücke "einfacher" Soldaten, aber dennoch im wesentlichen aus der Perspektive der Kriegsführung ("Der Matrosenaufstand ließ sich niederschlagen; die Rädelsführer wurden erschossen."). Musner nähert sich dem Geschehen eher kulturell und zeigt, wie der Krieg "ein schützendes Siegel der Moderne aufgebrochen und so Gewalt- und Zerstörungslogiken freigesetzt hat, wie sie bis dahin auf den europäischen Kriegsschauplätzen unbekannt gewesen waren." Notabene auf den europäischen, die Völker der "Kolonien" hatte diese Seite der modernen Menschenverachtung bereits kennengelernt. Jedenfalls war dies die Voraussetzung für die bereits angesprochene Militarisierung von Gesellschaft und Politik in der Ersten Republik.

Neben Wolfgang Maderthaners essayistischer Zeichnung der "österreichischen Revolution" habe ich mit großem Interesse Ernst Hanischs Artikel über Otto Bauers Zeit als Außenminister 1918/19 gelesen. Wohl derjenige Aspekt seines politischen Wirkens, mit dem ich mich bis jetzt am wenigsten auseinander gesetzt habe. Ich kenn sonst niemand aus dem katholischen Eck, die/der wie Hanisch pointiert, durchaus kantig und kritisch, aber immer kenntnis- und faktenreich über Bauer schreibt. Das hat mir schon an dessen vor Jahrzehnten erschienenem Beitrag über Otto Bauer als Historiker gefallen.

Unbekannt waren mir bisher die Details der Vorarlberger Anschlußbewegung an die Schweiz und deren antisemitische Komponente zur angestrebten Trennung vom "Wiener Judenstaat". Hochinteressant dabei auch der "Seitenwechsel" Liechtensteins. War es zuvor wirtschaftlich in Österreich-Ungarn integriert, das auch seine diplomatische Vertretung über hatte, übernahm diese wie die meisten wirtschaftlichen Belange (Post, Zoll, Währung) dann die Schweiz.

Einer der Schlüssel zum Verständnis der Wirtschaftspolitik der Zeit ist die Erfahrung der Inflation. Oft genug gelesen und gehört und auch für sehr plausibel gehalten. Aber dennoch stockt man doch, wenn man sich die konkreten Auswirkungen auf die, auf einen Menschen vorstellt, wenn Wirtschaftshistoriker Fritz Weber im zweiten Band referiert: "Die deutsche Reichsmark fiel auf ein Billionstel ihres Vorkriegswertes, der deutsche Rubel auf ein 15-Milliardstel, die polnische Mark auf ein 800-Tausendstel, die ungarische Krone auf ein Viertausendstel. Der Wert der österreichischen Krone betrug am Ende der Inflationsperiode nur noch ein 14.400stel des Goldwertes."
Oder wenn Herbert Matis schreibt, "Insgesamt erfuhr die Masse der Bevölkerung durch den Krieg einen durchschnittlichen Realeinkommensverlust von rund 50 Prozent." Sehr spannend in diesem Zusammenhang Peter Bergers Parallelisierung des "plötzlichen Auftauchens der russischen Oligarchen nach 1989 ... zum Aufstieg einer Schicht von Nouveaux riches am Beginn der Ersten Republik".

Um auf alle Beiträge der beiden Bände eingehen zu können, müßte ich fast einen eigenen Blog aufmachen. Das mache ich nicht. Daher nur noch einige Schlaglichter. Deborah Holmes schreibt über Reformpädagogik, Johann Brazda und Robert Schediwy über die Konsumgenossenschaften, sehr interessant. Dazu die zu erwartenden "Klassiker" wie Roman Horak über die Entwicklung des Fußballs zum Publikums- und Massensport (die in die ersten Jahre der Republik fällt) sowie die damit einhergehende "Massen-Gewalt", Alfred J. Noll über die Verfassung, Gerhard Botz über politische Gewalt, Gabriella Hauch über den Genderaspekt oder Rolf Steininger über Südtirol.

Karin Maria Schmidlechner verweist in ihrem Beitrag über Die neue Frau? auf die Argumentation von Maureen Healy, daß die Kriegsjahre mindestens genauso gut als Anfangsjahre der nachfolgenden Epoche zu behandeln sind wie als Endzeit der Monarchie, als die sie üblicherweise betrachtet werden. Alte Hierarchien gerieten allerorts in "Unordnung". Das ist der Ansatz, von dem aus betrachtet die Geschichte von Erstem Weltkrieg und Erster Republik ihren Reiz gewinnt.

Montag, 29. Dezember 2008

Die Republik Österreich 1918/2008



Hannes Leidinger / Verena Moritz
Die Republik Österreich 1918/2008
Überblick - Zwischenbilanz - Neubewertung
Wien 2008 (Paul Zsolnay)
287 S.







Das AutorInnenteam ist mir vor allem durch ihr Schwarzbuch der Habsburger aus dem Jahr 2003 (berechtigtes Anliegen, leider um eine Spur zu viel cum ira et studio) sowie ihre "andere Geschichte des Ersten Weltkriegs", das 2006 erschienene Buch Die Nacht des Kirpitschnikow (glänzend!), ein Begriff. Wenn man allein aus den Anmerkungen auf ihr weiteres Oeuvre schließt, scheinen sie - teils mit anderen zusammen - schneller geschichtswissenschaftliche Bücher zu schreiben und herauszugeben als man sie lesen kann.

Das Buch über die Geschichte der Republik besteht aus zwei Modi, aus der Betrachtung von "Längsschnitten" durch Leidinger und von "Augenblicken" durch Moritz. In essayistischer Form nähern sich beide Ansätze auf breite Literaturkenntnis gestützt der Geschichte. Sie bieten eine in der Zusammenschau interessante Darstellung und in dem v.a. von Leidinger monierten Liberalismusdefizit eine diskutierenswerte Positionierung. Alles qualitätsvoll und in flüssiger Sprache. Durch den laufenden Perspektivenwechsel nehme ich aber an, daß es für Leute ohne tiefere Vorkenntnisse der österreichischen Zeitgeschichte eher schwer sein dürfte, sich zu orientieren - auch wenn gerade das Sinn des Konzepts gewesen sein mag.

Im Titel trennen Leidinger und Moritz die beiden Jahreszahlen durch einen Schrägstrich, der, da sich "keine direkte Linie von 1918 bis 2008 ziehen lässt ... das komplizierte Verhältnis zwischen Bruch und Kontinuität markiert". Zum Februar 1934 und des immer wiederkehrenden Aufbrechens dieser keineswege vernarbten Wunde, heißt es, es "köchelt auf kleiner Flamme ein mittlerweile verdünntes Gemisch aus Interpretationen und (Rest)Ideologien, das einmal diesen und einmal jenen den Magen verstimmt.". Ein treffendes Bild.

In Summe ein interessanter Essay über die Geschichte der Republik. Minuspunkt des Buchs ist, daß die kontroverse Zeit der letzten zwei Jahrzehnte praktisch ausgeblendet bleibt.

P.S.: Und eine stilistische Anmerkung: Man kann die Republik ruhig "Republik" nennen, man muß nicht immer "Alpenrepublik" schreiben. Jetzt habe ich persönlich ein sehr unentspanntes Verhältnis zu Bergen, ich sehe aber den den durchaus gehaltvollen Kontrast der Worte Donaumonarchie und Alpenrepublik. Die Republik braucht aber kein Epitheton rurans, nennen wir sie einfach beim Namen.

Freitag, 28. November 2008

Otto Bauer und der Austromarxismus



Walter Baier / Lisbeth N. Trallori / Derek Weber (Hg.)
Otto Bauer und der Austromarxismus
"Integraler Sozialismus" und die heutige Linke
(Rosa-Luxemburg-Stiftung Schriften 16)
Berlin 2008 (Karl Dietz Verlag)
301 S.






Das Buch bietet eine Mischung aus historischen Analysen und Beiträgen, die Perspektiven linker Politik aufzeigen wollen. Wobei es das Anliegen der HerausgeberInnen ist, "die Abkanzelung des Austromarxismus als Tarnung opportunistischer Politik mittels radikaler Rheotrik durch eine differenziertere Sicht zu ersetzen. Seine Limits werden mit den Grenzen der fordistischen ArbeiterInnenbewegung des vorigen Jahrhunderts in Beziehung gesetzt. Es ist diese Perspektive, aus der sich das Verhältnis von Reform und Revolution für heutige Verhältnisse neu bestimmen ließe."
Bemerkenswert für ein Werk, das aus dem Umfeld der kommunistischen Tradition kommt, die ersteres stets verfochten hat. In den Beiträgen, die das angesprochene Ziel leisten sollen, wurde dabei hauptsächlich auf bekannte linkssozialdemokratische Ansätze und AutorInnen zurückgegriffen. So Fritz/Derek Weber, der schreibt: "Bauer war - auch wenn er in seiner politischen Taktik und Strategie letzten Endes zu den sozialdemokratischen Reformpolitikern gezählt werden muss - ein Wortführer des westlichen Marxismus, der die Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts bewahren und in der sozialistischen Revolution gleichsam aufheben, nicht durch sie abschaffen wollte. Gleichzeitig war er sich darüber im Klaren, dass die ökonomischen Verhältnisse in einem entwickelten Land viel komplizierter waren als im rückständigen Russland."
Hierbei war es interessant, Giacomo Marramaos Interpretation auf Deutsch (ich hatte ihn bisher mangels Italienischkenntnissen nicht berücksichtigt) zu lesen - auch wenn sein Text, wie am Bezug zur Sekundärliteratur erkennbar, aus den 1970er Jahren stammt.

Die große Stärke des Buchs ist sein Augenmerk auf Aspekte, die in der breiten Austromarxismus-Rezeption der 1960er bis 1980er Jahre unbeleuchtet geblieben sind, wie vor allem die Frauen- und Genderfrage. Ich habe einiges von und über AustromarxistInnen gelesen, aber die v.a. Artikel von Karin Schneider über "frauen- und genderpolitischen Positionen im Austromarxismus" und von Eveline List über Margarethe Hilferding brachten mir einiges an Neuem und bieten einen wesentlichen Beitrag zur historischen Analyse und Bewertung der österreichische Sozialdemokratie bis 1934.
Der weiters im Band enthaltene Überblick über Arbeiten der jüngeren Vergangenheit (etwa Tommaso La Rocca über Religion, Manfred Bauer über Friedrich Adler) machen das Buch zu einem aktuellen Referenzwerk.

Michael Krätke bemüht sich seit längerem verdienstvollerweise um die Edition eines unveröffentlichten Manuskripts Otto Bauers zur Weltwirtschaftskrise. Seit Jahren ist dessen Erscheinen bereits angekündigt, seit Jahren wird der Termin immer wieder nach hinten verschoben, seit Jahren warte ich darauf. In seinem Beitrag gibt Krätke die Edition aber als bereits erschienen an, obwohl dies nicht der Fall ist - dies ist sehr ärgerlich! Umso mehr, da Krätkes Text, der der Einleitung der Edition zu entsprechen scheint, das Interesse noch größer macht.

Manche Beiträge im Band sind mir zu wenig der historischen Analyse verpflichtet - was mein hauptsächliches Interesse ist (die Vergangenheit zu kennen, die per se interessiert), weniger herausgegriffene Stellen zur gegenwärtigen politischen Verwertung (Baiers Gedanken zu Bauers Konzept des "integralen Sozialismus", das einer spezifischen historischen Situation entstammt, überzeugen mich nicht).
Manches ist sehr seltsam, wie der zwischen aus vergangenen Jahrzehnten bekannter parteikommunistischer Geschichtsinterpretation und obskur changierende Artikel zur "nationalen Frage" und ein Text zur KPÖ-Geschichte, wo man sich eher fragt, was der hier soll.

Der Band ist das Buch zu einer im Dezember 2006 von der KPÖ und deren europäischen Plattform in Wien abgehaltenen Konferenz. Laut den Tagungsunterlagen für Sommer 2007 geplant gewesen, ist er heuer, im Jahr des 70. Todestags von Otto Bauer, erschienen. Die Tagung hatte ich an einem der drei Tage (der hauptsächlich der Historie gewidmete Samstag) ob des Settings mit gemischten Gefühlen besucht. Das Buch überzeugt mehr.

Freitag, 7. November 2008

Das Lächeln der Henker



Anton Holzer
Das Lächeln der Henker
Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918
Darmstadt 2008 (Primus Verlag)
208 S.






Im Spectrum der Presse ist an letztem Wochenende ein Artikel des ehemaligen Direktors des Heeresgeschichtlichen Museums, Manfried Rauchensteiner, über das Ende des Ersten Weltkriegs aus österreichisch(-ungarisch)er Sicht erschienen (Die Villa des Senators Giusti, Die Presse, 31.10.2008, Spectrum, S.If.) wie es sie seit Jahrzehnten immer wieder gibt: die Tragik der Soldaten und der kriegsverlierenden Armee an der italienischen Front. Und schlußendlich der Kaiser, der "vergaß, jenen zu danken, die in seinem Namen und letztlich auch für ihn einen Weltkrieg durchlitten hatten. Auch die Republik Deutschösterreich fand kein Wort des öffentlichen Danks". Die Soldaten als die Opfer des Krieges.

In Rauchensteiners Opus magnum Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg, dessen 700 Seiten ich vor eineinhalb Jahrzehnten noch als Schüler geradezu verschlungen habe, kommen Verbrechen österreichischer Soldaten praktisch nicht vor. Ich habe erst wieder nachschlagen müssen, um festzustellen, daß sogar ein Kapitel Im Schatten des Galgens heißt, wo ein Massaker an serbischer Zivilbevölkerung gleich im August 1914 erwähnt wird und Rauchensteiner schreibt, daß sich in Galizien "der als Abschreckung gedachte Terror" der k.u.k. Armee, also massenweise öffentliche Hinrichtungen von, hier hauptsächlich ukrainischen und jüdischen, Einheimischen als "Spione" und "Verräter", "auch gegen die eigene Bevölkerung" richtete. Im Bildteil findet sich auch ein (1) Foto einer solchen Massenhinrichtung (Bildtext: "Auf dem galizischen wie auf dem Balkankriegsschauplatz ging die Furcht vor Spionen um. Verdächtige, aber auch Unschuldige wurden zu Tausenden hingerichtet, wie hier irgendwo in Serbien.")

Die Verbrechen werden in diesem Standardwerk erwähnt, kurz und nur kursorisch im Vergleich zur detaillierten Schilderung des Kriegsverlaufs aus österreichisch(-ungarisch)er Sicht, aber eben doch. Und dennoch hat Holzer Recht, wenn er in seinem Buch über den unbekannten Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918 schreibt:
"Eine der zählebigsten Klischees über den Ersten Weltkrieg lautet: Es war ein Krieg, der vorwiegend an der Front geführt wurde und es handelte sich - trotz der gewaltigen Materialschlachten - vor allem um einen Krieg von Soldaten gegen Soldaten." Durch die eindrucksvollen Bilddokumente, die Holzer präsentiert und nachvollziehbar kommentiert, kommt man nicht umhin, seinen Schluß zu teilen: "Tatsächlich aber [...] richtete sich dieser Krieg mit ebenso großer Brutalität - wenn auch mit anderen Methoden und Waffen - mindestens ebenso gegen die Zivilbevölkerung. Diese systematische Ausweitung der Kampfzone ist bisher ein zu wenig beachtetes Kennzeichen des Ersten Weltkrieges."

Holzer nimmt hier ein Kapitel seines Vorgängerbuchs Die andere Front auf, in dem er die Wirkung und den Einsatz der Photographie zur Propaganda im Ersten Weltkrieg analysierte. Er präsentiert und kommentiert Bilder von zumeist außergerichtlichen Hinrichtungen von ZivilistInnen durch österreichisch-ungarische Soldaten, stellt sie in den historischen Kontext und zieht schließlich Schlußfolgerungen zur "Pornographie der Gewalt", von der Hinrichtung der Lincoln-MörderInnen 1865 bis zu Abu Ghraib 2004. Negativ sind nur ein manchmal etwas zu moralisierender Ton und die oftmaligen Wiederholungen von bestimmten Stellen ("als 1917 das Wiener Parlament wieder zusammentrat...").

Das Leiden der einfachen Soldaten ist mit Sicherheit unvorstellbar furchtbar, kritische Geschichtswissenschaft rückte es in den Vordergrund, dazu die wirtschaftliche Not, den Hunger der Millionen im ganzen Land, der den Untergang von Monarchie und Habsburgerreich zur Frage der Zeit machte. Holzer legt seinen Finger in eine klaffende Wunde, die bisher einfach nicht genügend berücksichtigt wurde: Zum Nationalismus, der die Grundfesten des Reichs nahe an den Einsturz gebracht hatte, kamen mit dem Weltkrieg nicht nur die tiefen sozialen Spannungen und die militärische Niederlage, sondern auch der Terror des Militärs - nicht "nur" in den militarisierten Industriebetrieben und in den besetzten Gebieten, sondern eben auch im eigenen Territorium. Die Monarchie wurde nicht mit dem Kondukt Kaiser Franz Josephs 1916 oder mit dem Scheitern der letzten Offensive in Italien 1918 zu Grabe getragen (und auch nicht mit dem Jännerstreik 1918), sie starb zu tausenden an den Galgen der k.u.k. Armee. Sie starb als gehenkter ruthenischer Pope und als erschossene serbische Frau.

Montag, 3. November 2008

Karl-Marx-Hof - Versailles der Arbeiter


Gerald und Genoveva Kriechbaum (Hg.)
Karl-Marx-Hof - Versailles der Arbeiter
Wien und seine Höfe
Fotografiert von Gerald Zugmann
Wien 2007 (Holzhausen)
152 S.





Das Buch ist hauptsächlich ein Architekturbildband über den Döblinger Karl-Marx-Hof, kontextualisiert durch historische Artikel über die Gemeindebauten des Roten Wien, Biographisches zum Architekten, Interviews mit jahrzehntelangen Bewohnerinnen und Bewohnern sowie, für den Vergleich, kurzen Abrissen über andere typische Gemeindebauten (Teil Wien und seine Höfe).

Die Bildstrecken des Architekturphotographen Zugmann sind tatsächlich ziemlich eindrucksvoll, auch wenn man den Bau kennt. Der Beitrag von Gert Kähler über die Bautätigkeit der Gemeinde Wien in der Zwischenkriegszeit bietet dazu eine gute Zusammenfassung der historischen Hintergründe des kommunalen Wohnbauprogramms. Nicht ganz sattelfest dürfte er nur in ballestrischen Dingen sein, da er schreibt, daß "alle zwei Wochen 50.000 Fußballfans von der Stadtbahn ins Hohe-Warte-Stadion zur 'Wunderelf' der Vienna" durch die großen Torbögen gezogen wären. Das Stadion war und ist bis heute dasjenige der Vienna, Wunderteam war aber die Nationalmannschaft, die dort in den 1920er und 30ern spielte. Sehr interessant ist die von Genoveva Kriechbaum vorgestellte, sehr österreichische Biographie des Architekten des Karl-Marx-Hofs, Karl Ehn, städtischer Beamter unter Monarchie, Rotem Wien, Austrofaschismus, Nazi-Zeit und Zweiter Republik. Leider fehlen bei allen AutorInnen jegliche Anmerkungen, Literaturhinweise oder sonstige Quellenangaben, was den Wert ihrer Texte schmälert und das Buch über den Status des schönen Bildbands hinausgehoben hätte.

In fünf Interviews erfahren wir zum Abschluß des Buches über das vergangene Gemeinschaftsleben, für das der Bau konzipiert war, und die heutigen Probleme des Lebens im Gemeindebau.

Freitag, 18. April 2008

Das schöne Leben



Christiane Rösinger
Das schöne Leben
Frankfurt am Main 2008 (Fischer)
205 S.







Häuft sich das jetzt, daß ich auf Lesungen mit Gesang/Musik bin? Keine Ahnung, wohl nur Zufall. Wobei das diesmal ja ganz was anderes war. Jedenfalls war gestern im WUK Christiane Rösinger, bekannt von den großen, großen Lassie Singers. Die hab' ich ja in einem anderen Jahrtausend durch Grissemann und Stermanns Salon Helga kennenlernen dürfen.

Es war schon sehr schön gestern. Sie hat aus ihrem Buch gelesen, aber auch gesungen, so auch die hochsentimentalen Klassiker Liebe wird oft überbewertet und Es ist so schade.

Rösinger schreibt im autobiographisch angeleiteten Buch über die Kindheit am Land, das Berlin der 1980er Jahre, das Leben in der Band, Alkohol, Drogen, Fortgehen als Lebenselexier (Leben in der Bar) und anderes. Alles sehr nett.

Sehr treffend, "Glaubt man den Amerikanern, so verdienen Bobos vor allem im Internet ihr vieles Geld, wollen aber trotzdem ihre verlotterte Kleidung nicht ablegen. Sie schwärmen für exotische Kaffeesorten, umweltverträgliche Zahnpasta, sauer und bitter schmeckende Salate und fahren im Urlaub nach Italien, um vergilbte Bauerngesichter zu bestaunen und Ziegenmilch in den Kaffee zu tun. Stumpfes Grau ist ihre Lieblingsfarbe.
Doch spätestens hier begann die ganze Bobo-Theorie bereits zu wackeln. Die Sorte gab es doch bei uns schon lange!
Sie hatten zwar weniger mit dem Internet zu tun, hießen dafür aber einfach "Lehrer" oder "Grüne". Ein Kunstwort musste für sie nie geschaffen werden."


Und: "Als älterer Mensch kann ich nur sagen: Liebe Dreißigjährige! Das Leben ist sehr kurz, aber gleichzeitig auch sehr lang. Wer da mit dreißig schon meint, ruhig und häuslich werden zu müssen und sich vom öffentlichen Leben verabschieden will, soll überdenken, was er dann die nächsten Jahrzehnte machen will." Hm, erwischt.

Dienstag, 8. April 2008

Europäische Revolutionen



Eric Hobsbawm
Europäische Revolutionen
(Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes: Bd.XV)
München 1978 (Kindler)
572 S.






Eric Hobsbawms im Original 1962 als The Age of Revolution in Weidenfelds History of Civilisation-Reihe erschienenes Werk ist eine für ein breites Publikum geschriebene Geschichte der Jahre 1780 bis 1848. So ist das Buch auch sehr schön und leicht zu lesen, wobei ja aber Hobsbawm in bester angelsächsischer Tradition ohnehin immer verständlich schreibt.

Im Zentrum steht die These der "Doppelrevolution" (Dual Revolution) von industrieller (britischer) und politischer (französischer) Revolution. Für die damalige Zeit recht ungewöhnlich - jetzt im Vergleich zur deutschsprachigen Historiographie - hat Hobsbawm einen breiten Blickwinkel. Klar ist, daß bei ihm der wirtschaftlichen Entwicklung nicht nur aufgrund des Themas, sondern auch als Erklärungsmuster viel Raum gegeben wird, mehr als der zu recht auf's Wesentliche beschränkten Kriegs- und Diplomatiegeschichte (obwohl die ja gerade in dieser Epoche viel hergibt, etwa in der von Hobsbawm angerissenen Wechselwirkung von Armee und Revolution). Da gibt's was über Ideologiegeschichte, das bürgerliche Individuum, die Künste und Wissenschafen. Am besten ist er aber in den "Standards", die Industrielle Revolution und die beginnende Durchsetzung des Kapitalismus, das Agrarproblem (inkl. die Nachteile der Bauernbefreiung für die Betroffenen) oder die Jahre von den 1820ern bis zum Vorabend von 1848, die er nicht als Zeit der Aufstände, sondern als Zeit der "revolutionären Wellen" beschreibt.

Nennen wir es mal "nicht kohärent" hab' ich gefunden, daß Hobsbawm in der Aufzählung von Beispielen der rasanten wirtschaftlichen und industriellen Dynamik meint "Vom heutigen Standpunkt gesehen, war das alles gewiß noch recht bescheiden, aber mit den früheren Zeiten verglichen - und schließlich verglichen ja die Zeitgenossen ihr Leben mit der Vergangenheit -, überstieg diese Wandlung die wildesten Träume." (S.299f.), zu den Opferzahlen des jakobinischen Terreur (S.123f.) oder der Revolutions- und napoleonischen Kriege aber genau die entgegengesetzte Argumentation verwendet und sie gegenüber z.B. der grausamen Beendigung der Pariser Kommune oder dem 20. Jahrhundert relativiert (S.164f.). Eine Linie, die man vertreten kann, wenn man will, es hätte aber ein bisserl deutlicher argumentiert gehört.

Die Französische Revolution ist ja ein klassisches Beispiel parteiischer Geschichtsschreibung. Hobsbawm macht hier in marxistischer Tradition aus seiner Sympathie für den Jakobinismus, mitsamt Betonung seiner sozialorientierten Wirtschaftspolitik, wenig Hehl, "Für alle war dies eine Zeit, die nicht nach den Maßstäben des menschlichen Alltags zu beurteilen ist, sondern aus der Perspektive eines grauenvollen Terrors. Und das ist wahr. Für den soliden Franzosen aus dem Mittelstand, der hinter diesem Terror stand, war dieser jedoch weder pathologisch noch apokalyptisch, sondern in erster Linie die einzige Methode, sein Land (i.e. die Revolution, gegen den Aufstand fast des ganzen Landes gegen das jakobinische Paris und gegen die militärische Intervention der europäischen Mächte) zu retten. Dies gelang der Jakobinischen Republik in der Tat, und ihre Leistung war übermenschlich." (S.124) Hobsbawm positioniert sich, versucht aber stets, differenziert zu bleiben.

Vieles würde und könnte man heute nicht mehr so schreiben und formulieren wie 1962. Gar nicht würde mehr gehen, daß der Gender-Aspekt einfach praktisch nicht vorkommt, Frauen gibt es nur in Nebensätzen und Randbemerkungen. Notgedrungen zu kurz kommt bei einem Überblickswerk natürlich leider nationale bzw. im europäischen Maßstab regionale Aspekte. Dafür wird trotz des Fokus auf Europa immer wieder auch auf Außereuropäisches verwiesen; aus dem britischen Entstehungszusammenhang verständlich immer mal wieder auf Indien, aber z.B. auch auf Lateinamerika. Und zur Darstellung der Verbreitung der klassischen britischen Ökonomie von Smith und Ricardo auf die frühe Gründung von Ökonomie-Lehrstühlen in Lateinamerika zu verweisen, war schon ein sehr netter Aspekt.

Über diese Epoche gibt's Berge an Literatur. Abseits von Details und Fakten, für den Gesamtzusammenhang, ist Hobsbawms Buch Standardliteratur. Ein wirklich sehr gutes, zeitloses sozialgeschichtliches Werk.

Samstag, 22. März 2008

Das Manifest - heute



Eric Hobsbawm u.a.
Das Manifest - heute
150 Jahre Kapitalismuskritik
Hamburg ²2000 (VSA)
300 S.







Das 1998 zum 150-jährigen Jubiläum des Kommunistischen Manifests von Karl Marx und Friedrich Engels erschienene Buch beinhaltet einige Beiträge verschiedener AutorInnen. Eine überwältigende Fülle von Gedanken.
Eric Hobsbawms Artikel bringt die Faszination des Manifests auf den Punkt, wenn er schreibt, "was 1848 einem unvoreingenommenen Leser als revolutionäre Rhetorik oder bestenfalls als eine plausible Prognose erscheinen mochte, kann heute als eine knappe Beschreibung des Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts gelesen werden. Von welchem anderen Dokument aus den zehn Jahren nach 1840 läßt sich das sagen?" Michael Krätke unterstreicht seine Bedeutung für die sozialwissenschaftliche Theorie: "Im Manifest wird der Prozeß der Modernisierung als höchst ambivalenter Vorgang beschrieben, als historischer Prozeß, der, einmal in Gang gesetzt, sich keineswegs in gerader Linie fortbewegt, bis der ursprüngliche Impetus sich einmal erschöpft hat, sondern in "Widersprüchen", durch heftige Krisen und Konflikte hindurch, in Sprüngen und vielfachen Brechungen weiter geht." Ellen Meiksins Wood widmet sich dem historischen Kontext von Marx' Kapitalismusanalyse. Wolfgang Fritz Haug betont, wie bedeutend es ist, daß die kapitalistische Entwicklung widersprüchlich ist, der Kapitalismus nicht das "unwidersprüchlich Negative" ist und zwischen Kampf gegen die Globalisierung und Kampf gegen neoliberale Globalisierungspolitik zu unterscheiden: "Ist nicht die gegenwärtig noch immer sich herausbildende transnationale und high-tech-kapitalistische Produktionsweise dabei - in wie immer barbarischen Formen von Brot und Spielen in einem Rahmen von Gewalt -, die "kulturelle Vereinigung der Menschheit" voranzutreiben?" so wie das Manifest es vor 160 Jahren analysierte.
Frigga Haug macht sehr interessante "Feministische Anmerkungen" zum Manifest, zur unterbelichteten oder verqueren Beleutung der Geschlechterverhältnisse darin.
Boris Kagarlitzky plädiert für eine Rückkehr zum Marxismus, "der Klasse wieder eine zentrale Stellung im politischen Denken der Linken einzuräumen"; er meint, ein "Aufruf, die traditionellen Werte wieder aufzunehmen, hat nichts damit gemein, den Dialog abzulehnen oder ein hermetisches Leben zu führen. ... Seit der Zeit der Reformation ist Neotraditionalismus die Ideologie der Revolutionäre gewesen." Ebenso sind die Artikel von Colin Leys/Leo Pantich und Joachim Bischoff sehr anregend, gerade wenn man ihnen nicht an jedem Punkt zustimmt.
Auch wenn mir manches zu Sowjetkommunismus-fixiert ist, weil man die Aktualität des Marxismus meiner Meinung nach auch nicht in der Kontrastierung zur sowjetischen Entwicklung deutlich machen kann, da schon Lenin zwar ein Revolutionär, aber alles andere als ein sozialistischer Leitstern war. Schon Marx ja gemeint, daß er kein Marxist ist, wenn Marxismus das ist, was dessen damalige Verfechter darunter verstehen. Hab' ich ein Patentrezept des Sozialismus? Nein. Haben Marx und Engels eins gehabt? Nein. Man muß nicht immer recht haben, wenn man Prognosen macht, diese sind bekanntlich insbesondere dann schwierig, sofern sie die Zukunft betreffen. ÖkonomInnen und MeterologInnen scheitern regelmäßig trotz wissenschaftlichem Bemühen daran. Marx und Engels haben aber eine Grundlinie vorgezeichnet: fundierte Kritik statt Träumerei. Daran kommt man nicht drum herum.