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Samstag, 20. Juni 2026

Scheibbs

20.6.2026

Im niederösterreichischen Scheibbs habe ich ein Fußballspiel besucht. 4.200 Menschen leben hier.

1877 wurde die Erlauftal-Eisenbahn fertiggestellt, die Sommerfrische-Suchende reiche Leute aus Wien ins Erlauftal brachte und Scheibbs für Tourismus erschloss.


Blick auf die Stadt vom Ufer des Flusses Erlauf


Scheibbs ist Bezirkshauptstadt des Bezirks Scheibbs in den niederösterreichischen Eisenwurzen, in der über Jahrhunderte bis zur Industrialisierung im 19.Jh. in kleine Betrieben Eisen produziert wurde.


Rechts die große Klosterkirche St. Barbara, welche 1678 bis 1684 mit dazugehörigem Kloster die über Scheibbs herrschenden Gaminger Kartäusern errichten ließen. Links das Schloss Scheibbs. Es geht auf eine mittelalterliche Burg und Kirche zurück und wurde später zum Schloss umgebaut. Nachdem 1138 herzog Albrecht II. Scheibbs dem Kloster Gaming geschenkt hatte, hatte dieses hier ihren Verwaltungssitz für ihre Herrschaft über die Bevölkerung. 1595 belagerten die gegen ihre Unterdrückung und Ausbeutung aufständischen Bauern den in der Burg verschanzten Prior des Klosters mit seinen Truppen, dieser konnte aber fliehen. Die Rache der Militärstrafexpedition war blutig und hart. Der Müller und der Kastner ließ die Herrschaft auf dem Marktplatz köpfen und dem Marktrichter (welche von 1428 bis 1848 Scheibbs regierten) die rechte Hand abschlagen, mit der er dem Kloster als Grundherrn die Treue geschworen hatte, bevor er gehenkt wurde.


Das ehemalige Haus der Marktrichter, heute das Rathaus.


Straßenszene


Scheibbs wurde im Jahr 1160 erstmals schriftlich erwähnt. Schon in der Antike hatte es hier aber eine keltische oder römische Wehranlage und Siedlung gegeben. Nachdem 1352 durch Herzog Albrecht II. im zweiten Gaminger Stiftsbrief der Bau einer militärischen Befestigung angeordnet worden war, begann man mit dem Bau einer vierseitigen Ringmauer um Scheibbs unter Einbeziehung der Burganlage. In späteren Jahrhunderten wurde die Stadtmauer ausgebaut und bis ins 18.Jh. für die jeweilige Kriegstechnik modernisiert.


Straßenszenen

Freitag, 5. Juni 2026

Gmünd

5.6.2026

In Gmünd im niederösterreichischen Waldviertel habe ich ein Fußballspiel besucht. 5.100 Menschen leben in der aus fünf Ortschaften bestehenden Bezirkshauptstadt des Bezirks Gmünd.

Die Eisenbahn war der Wendepunkt der Gmünder Geschichte. Der Bahnhof war Bahnknotenpunkt und hier befanden sich die Werkstätten und das Betriebszentrum der 1869 eröffneten Franz-Josefs-Bahn. Heute ist es der Bahnhof des tschechischen České Velenice. Mit der neuen Grenzziehung zwischen der 1918 gegründeten Tschechoslowakei und der neuen Republik Österreich nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie wurde der Gmünder Bahnhof von Gmünd und Niederösterreich abgetrennt und durch Zusammenschluss mit umliegenden Siedlungen als 1920 neu gegründete Gemeinde České Velenice Teil der Tschechoslowakei. Da der damalige Gmünder Bahnhof ein gutes Stück vom Stadtzentrum entfernt lang, wurde 1907 ein O-Bus als Verbindung eingerichtet, der aber aus finanziellen Gründen 1916 im Krieg wieder eingestellt wurde. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs liefen über den Bahnhof, an dem sich die Bahnverbindungen nach Wien, Linz, Prag und Plzeň kreuzten, Züge zur Versorgung der für den Erhalt des Nazis-Verbrechensregimes kämpfenden deutschen Truppen nach Süden, was ihn zum militärstrategischen Ziel machte. Ebenso fuhren hier aber die aus dem Süden herauf kommenden Züge voll mit Verwundeten und Flüchtlingen durch über Böhmen ins Innere Deutschlands. Dies Eisenbahnwerkstätten waren entscheidend zur Wartung und Aufrechterhaltung des Bahnbetriebs auf der Linie. Das schwere Bombardement des Bahnhofs tötete hunderte Menschen auch in der Umgebung. Der Bahnhof wurde 1946 ohne seiner vorherige zeitgenössische Stuck-Fassadenverzierung zweckmäßig wiederaufgebaut.


Der heutige Gmünder Bahnhof wurde 1908 ursprünglich als Haltestelle Gmünd-Stadt eingerichtet. Nach der Abtrennung Gmünds vom Bahnhof 1918 wurde daraus 1922 der heutige Bahnhof Gmünd gemacht.


Die Waldviertler Schmalspurbahnen sind ab dem Jahr 1900 betriebenes Netz von drei zusammenhängenden Eisenbahnstrecken mit einer Spurweite von 760 mm, die von Gmünd in Niederösterreich aus das nordwestliche Waldviertel auf Strecken nach Litschau, Heidenreichstein und Groß Gerungs erschließen. Heute ist hier nur mehr touristischer Betrieb.


Stadtplatz mit dem Alten Rathaus aus dem 15./16.Jh. in der Mitte. Im Geist der Zeit beschloss der Gmünder Gemeinderat 1957 das Gebäude abzureißen, um hier einen Parkplatz für Autos zu schaffen. Das Denkmalamt verhinderte das. 1965 wurde stattdessen hier das Stadtmuseum eingerichtet.


Sgraffito-Häuser am Stadtplatz aus dem 16.Jh.


Das Schloss Gmünd wurde als Stadtburg im Rahmen der zur Verteidigung in Kriegen errichteten Stadtmauern Gmünds unter dem Kuenringer Hadmar II. gebaut und im Jahr 1217 erstmals schriftlich erwähnt. Hier residierten Adelige als Herrschaftssitz über die Bevölkerung. Von 1262 bis 1418 waren das die Liechtenstein und danach verschiedene Familien. Ab 1859 war das Schloss Besitz der Familie Habsburg-Lothringen, die es 1985 verkaufte. Heute sind hier Privatwohnungen. Das heutige Aussehen stammt vom Umbau im 15./17.Jh., später wurde 1895 die außen umgebenden Sümpfe trockengelegt und zu einem Park gestaltet. Diese waren Teil des Verteidigungssystems gewesen.


Rest der Stadtmauer, Gmünd war eine um das Jahr 1200 planmäßig zur militärischen Verteidigung der Grenze gebaute Stadt. Im Jahr 1179 wurde der Ort in einem Vertrag über den Grenzverkauf zwischen Böhmen und Österreich erstmals schriftlich erwähnt.


Das ehemalige Lagertor. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs richtete die Habsburgermonarchie hier das Flüchtlingslager Gmünd ein. Auf dem Rückzug vor der russischen Armee verbrannte und zerstörte die k.u.k. Armee systematisch die Dörfer und Siedlungen und vertrieb die Bevölkerung – Untertanen der Monarchie in den Kronländern Galizien und Bukowina – daraus, wenn sie diese nicht wie tausende andere Staatsbürgerinnen und Staatsbürger dort in der Paranoia vor angeblich überall steckenden Spionen mit Bajonett und am Galgen ermordete. Zehntausende Menschen wurden nach Westen verfrachtet. Das militärische Operationsgebiet sollte frei von Bevölkerung sein.


In einem der Torhäuser präsentiert das „Haus der Gmünder Zeitgeschichte“ die Geschichte des Gmünder Flüchtlingslagers sowie die Geschichte Gmünds im 20.Jh. in hervorragender Weise.


Rund 30.000 Menschen (Höchstbelegung von 31.000 im Jahr 1917) brachte man ab Jänner 1915 in Holzbaracken zu je 200 bis 250 Schlafplätzen (Holzbretter oder Strohsäcke) in einem 550.000 m² großen Areal großen Areal außerhalb des Gmünder Stadtzentrums hier unter. Die Flüchtlinge kamen oft in der Nacht mit Zügen am damaligen Gmünder Bahnhof Gmünd (heute České Velenice) an, verbrachten die verbleibende Nacht im Bahnhofsgebäude und marschierte am nächsten Tag die zwei Kilometer zum Lager, wo sie dann zu Beginn der Amtsstunden behördlich registriert wurden. Mit Wechseln und den zahlreichen Verstorbenen durchliefen rund 200.000 Menschen in jenen Kriegsjahren das Lager in Gmünd. Im Mai 1915 kamen von der Armee vor dem neuen Kriegsschauplatz Italien Vertriebene hinzu.


Nach Ende des Krieges 1918 und dem Ende der militärischen Bewachung des Lagers brachen die Flüchtlinge auf den Heimweg auf. Aus dem großen leeren Lager entstand ein neuer Stadtteil Gmünds, Gmünd II oder Gmünd-Neustadt genannt, der mit neuen Wohnhäusern bebaut wurde. Der sogenannte Neubau ist ein nach Vorbild des Roten Wien in den Jahren 1926 und 1927 errichteter Wohnbau.


Im Lauf der Geschichte des Lager baute man in den letzten Jahren seines Bestehens auch schon feste Gebäude mit Blick auf eine Nachkriegsnutzung.


Es gab elektrischen Strom, Toiletten und Abwasserkanalisation. Heizen konnte man in den vielen kalten Monaten des Waldviertels aber die Holzbauten nur schlecht. Es herrschte die ganze Zeit über Lebnsmittelknappheit, Hunger und Unterernährung. Die Lebensbedingungen waren beengt. All das hatte den Ausbruch zahlreicher Krankheiten und Seuchen zur Folge. Tausende Menschen starben hier daran, allein 1915 bis 1917 gab es 4.400 Seuchentote und 484 Babys starben an Masern. Insgesamt starben in jenen wenigen Jahren unter Obhut der österreichischen Behörden rund 30.000 Menschen im Lager. Praktisch jeden Tag starben hier die Menschen zweistellig. Dier riesige Friedhof mit Massengräbern ist heute ein Park. Ein Denkmal aus dem Jahr 1964 erinnert an die zehntausenden ukrainischen Toten und eines aus dem jahr 2014 an die rund 5.000 hier zu Grunde gegangenen Menschen aus Istrien.

Freitag, 15. Mai 2026

Wöllersdorf

15.5.2026

In Wöllersdorf im niederösterreichischen Industrieviertel habe ich ein Fußballspiel besucht. Seit 1972 bildet Wöllersdorf mit dem benachbarten Steinabrückl eine gemeinsame Gemeinde Wöllersdorf-Steinabrückl. 5.000 Menschen leben in der Gemeinde, davon 2.900 in Wöllersdorf.

Zur Durchsetzung seiner Diktatur ließ das austrofaschistische Regime in leerstehenden Hallen der Wöllersdorfer Werke 1933 ein sogenanntes Anhaltelager errichten, in dem es ohne rechtsstaatliche Grundlage und Gerichtsprozesse politische Gegnerinnen und Gegner der Diktatur einsperrte. Nach dem Aufstand des sozialdemokratischen Schutzbunds gegen die Zerstörung der Demokratie im Februar 1934 sperrten die Austrofaschisten hier hunderte Sozialdemokraten ein. Dazu kamen die mit Bombenanschlägen und Terrorismus agierenden Nazis sowie Kommunisten. Zum 1. Mai 1934 befanden sich 831 politische Gefangene im Lager, 508 Sozialdemokraten und Kommunisten sowie 323 Nazis. Nach der Niederschlagung des gescheiterten Juliputschs der Nazis im Juli 1934 waren hier im Oktober 1934 knapp 5.000 Personen eingesperrt, davon 4.256 Nazis und 538 Sozialdemokraten und Kommunisten. Während der Austrofaschismus später ein Auskommen mit den Nazis zu finden suchten, blieben Sozialdemokratinnen und Sozialdemokarten sowie Kommunistinnen und Kommunisten aufgrund Gegnerschaft zum Faschismus der Hauptfeind. Mit der KZ-Mordmaschinerie der Nazis waren das Wöllersdorfer Lager und das Lager im burgenländischen Kaisersteinbruch nicht zu vergleichen, dennoch war der Freiheitsentzug ohne zeitliche Begrenzung oder rechtliche Begründung mit Möglichkeit dagegen etwas zu unternehmen, für die Betroffenen ein harter Einschnitt. Das Denkmal aus dem Jahr 1974 erinnert hier explizit an die für ihr Engagement für Demokratie und Freiheit Eingesperrten. Dazu zählen nicht die damals mit Terroranschlägen und Morden für ihre Machtergreifung zur Umsetzung millionenfachen Massenmordens kämpfenden Nazis.


Die Wöllersdorfer Werke, historisch einst als Raketendörfl oder Feuerwerksanstalt bezeichnet, waren hier im Bereich von Wiener Neustadt, Bad Fischau und Wöllersdorf Standort eines großen Munitionsfabrikenkomplexes für das Töten in der Kriegsmaschinerie der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Im Ersten Weltkrieg umfasste allein das Wöllersdorfer Werk fast 3 km², auf welchen 635 Gebäude standen. Zu Kriegsbeginn 1914 arbeiteten hier 5.000 Menschen, zum Kriegsende 1918 waren es über 40.000. Es galt eine 70-Stunden-Arbeitswoche und die Beschäftigten waren wie in allen Betrieben der Kriegsproduktion der militärischen Disziplin unterworden, was drakonische Strafen des Militärs bei Verfehlungen bedeutete. Mit Fortdauer des Krieges mussten hier immer mehr Frauen arbeiten. Das zeigte sich leider auch am 18. September 1918, als ein Großbrand in einer Werkshalle 423 Menschen tötete und es zum Großteil Frauen und junge Mädchen waren.


Wöllersdorf


Die Ruine des Höhlturm ist der Rest einer einst bewohnten Wehranlage zur Verteidigung in Kriegen aus dem 15.Jh. Seinen Namen hat der Turm von einer dahinter befindlichen Natursteinhöhle. Der Turm ist am Gemeindewappe von Wöllersdorf-Steinabrückl abgebildet.