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Freitag, 8. August 2014

Museum zur Geschichte der Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie im Raum St. Pölten

St. Pölten, 7.8.2014

Vor dem Besuch eines Fußballspiels wurde in St. Pölten diesmal das Museum zur Geschichte der Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie im Raum St. Pölten besucht.

Das Museum befindet sich im barocken Steingötterhof in der St. Pöltner Innenstadt, im Hof des St. Pöltner SPÖ-Bezirksparteihauses.


Bereits hinter dem Eingangstor des Hauses erzählen im Durchgang zum Hof historische Tafeln des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer vom Faschismus, Neubeginn und Wiederaufbau.



Das Museum wurde vor zehn Jahren hier neu eingerichtet nachdem es zuvor seit den 1980er Jahren im Museum im Hof in der Heßstraße untergebracht war. Die Ausstellung wurde von Siegfried Nasko gestaltet.


Der Ausstellungsraum erzählt anhand von Exponaten und Darstellungen die Geschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung in Österreich und in St. Pölten von Ende des 19.Jh. bis in die siebziger und achziger Jahre des 20.Jh.


1.-Mai-Abzeichen. Auch in St. Pölten stand der 1890 erstmals begangene Tag der Arbeit im zeichen der staatlichen Repression gegen freie politische Selbstorganisation von Arbeiterinnen und Arbeitern. „Beinahe wäre man versucht zu glauben, dass wir im Belagerungszustand leben. Die Straßen sind zeitlich abends verödet, Militärpatrouillen durchziehen die Stadt, auf dem flachen Lande patrouillieren Dragoner, kein dienstfreier Soldat ist zu sehen...“ zitiert die Ausstellung aus dem St. Pöltner Wochenblatt.


Ein anderes Beispiel der tatsächlichen Verhältnisse in der so gern verklärten k.u.k. Zeit ist die Aberkennung der Matura von Karl Seitz, weil er als Redner seines Maturajahrgangs in St. Pölten mutig offene Worte über die Zustände im Staat gefunden hatte.


Historische Stücke der Kulturbewegung.



Diese Puppe gehörte einem jüdischen Mädchen, das mit Rosa Jochmann im KZ Ravensbrück eingesperrt war. Jochmann versah sie mit ihren eigenen Haaren, die ihr im KZ abgeschnitten wurden und fertigte das Gewand aus Stofffetzen. Das Mädchen starb im KZ, Jochmann überlebte und bewahrte die Puppe als Erinnerung an sie auf. Es bleibt einem das Herz stehen.


Postkarte mit Zeitungsausschnitt aus dem Zweiten Weltkrieg an die Familie des St. Pöltners und Rapid-Spielers Bimbo Binder von einem ehemaligen Kollegen beim St. Pöltner Arbeiterfußballvereins Sturm 19.



Historische Plakate


Bruno Kreisky hatte einen starken Bezug zu St. Pölten, da er hier sein Nationalratsmandat hatte. In der Ausstellung ist u.a. ein Nadelstreifanzug Kreiskys zu sehen.


Amüsantes Wahlkampfmaterial aus den 1970er Jahren.



Tafeln der Sonderausstellung Maria Emhart und der Bürgerkrieg 1934 in St. Pölten, die von Februar bis Mai 2014 im Stadtmuseum St. Pölten zu sehen war. In St. Pölten war Maria Emhart führend am Widerstand und Aufstand gegen das austrofaschistische Regime beteiligt. Im Februar 1934 entging sie der standrechtlichen Hinrichtung, blieb aber vier Monate in Haft. Im inszenierten großen Sozialistenprozess des Jahres 1935 verlangte der Staatsanwalt für sie die Todesstrafe. Aus Mangel an Beweisen wurden daraus schließlich „nur“ 18 Monate Kerker. Sie musste St. Pölten verlassen und zog nach Bischofshofen in Salzburg, wo sie nach der Befreiung Vizebürgermeisterin, Landtags- und Nationalratsabgeordnete wurde.


Orte der Kämpfe im Februar 1934 in St. Pölten

Donnerstag, 26. Januar 2012

Geschichte Portugals



Walther L. Bernecker / Horst Pietschmann
Geschichte Portugals
Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart
2., aktualisierte Auflage
München 2008 (C.H. Beck)
136 S.







Das in der bekannten Taschenbuchreihe des Münchner Verlags C.H. Beck erschienene kleine Buch von Horst Pietschmann (vom Mittelalter bis Ende des 18.Jh.) und Walther L. Bernecker (von Ende des 18.Jh. bis in die Gegenwart) bietet einen schnellen Überblick über die Geschichte Portugals und informiert sehr gut. Vor allem einige Aspekte aus dem Mittelalter sowie die jahrzehntelangen Konflikte des Verfassungsstreits um die Ausgestaltung der Monarchie zwischen Parlamentarismus und absolutistischem Anspruch in der ersten Hälfte des 19. Jh., in aufeinanderfolgenden Staatsstreichen, (Gegen-)Revolutionen und Bürgerkriegen, waren für mich neu und zeigten mir wieder einmal mein bekanntes Defizit der west-/mitteleuropäisch fokussierten historischen Bildung auf.
Gefehlt hat mir im Buch allerdings ein Augenmerk auf das Leben in den Jahrhunderten maurischer Herrschaft auf dem Gebiet des nachmaligen Portugal.

Es ist immer wieder wertvoll und spannend, Geschichtskenntnisse zu bestimmten Anlässen aufzufrischen oder zu vertiefen. Ein Grundgerüst der Geschichte Portugals war mir geläufig, einiges wurde durch den Besuch in Porto 2010 gelernt. Ein längerer Aufenthalt erforderte aber eingehendere Beschäftigung, denn alles und überall ist Geschichte, die es zu kennen und zu wissen lohnt.

Dienstag, 24. Januar 2012

Politische Gewalt und Machtausübung im 20. Jahrhundert


Heinrich Berger / Melanie Dejnega / Regina Fritz / Alexander Prenninger (Hg.)
Politische Gewalt und Machtausübung im 20. Jahrhundert
Zeitgeschichte, Zeitgeschehen und Kontroversen
Festschrift für Gerhard Botz
Wien/Köln/Weimar 2011 (Böhlau Verlag)
773 S.




Der umfangreiche Band zum 70. Geburtstag des Zeithistorikers Gerhard Botz versammelt eine große Anzahl an interessanten Beiträgen, von einigen renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Josef Weidenholzer und Helmut Konrad erinnern sich an die gemeinsamen Anfänge an der Universität Linz, die zusammenfallen mit der „Formierung der österreichischen Zeitgeschichte“ (Konrad). Helmut Konrad vergleicht seinen weiteren Lebensweg mit demjenigen von Botz.

Sehr spannend sind ist der Beitrag der verstorbenen Edith Saurer über die Tagebucheintragungen von Bernhardine Alma zu ihrem Abstimmungsverhalten bei der unter den Zeichen von Propaganda und Terror abgehaltenen NS-„Volksabstimmung“ 1938. In der Beichte wurde ihr durch die katholische Geistlichkeit geraten, mit Ja zu stimmen − was sie nicht tat. Ebenfalls hochinteressant ist Ernst Hanischs Beschäftigung mit der Nazi-Verstrickung seiner Familie (damit Spuren von Gerhard Botz folgend).

Johannes-Dieter Steinert schreibt über die Schwierigkeit des Umgangs mit den schwer traumatisierten Menschen, die im Terrorsystem des KZ ihre Überlebensstrategien entwickelt hatten, unmittelbar nach der Befreiung 1945, wie sie erst wieder ins Leben finden mußten. Weiters berichtet er über das Verhältnis der (west-)deutschen Bevölkerung zu den Displaced Persons: Die Nachkriegsgesellschaft sah sich als am härtesten gestraftes Kriegsopfer, „Interesse am Schicksal und Leid der Überlebenden von zwangsarbeit und Holocaust besaß kaum jemand“.

Aufschlußreich ist der Artikel von Sandra Paweronschitz über die unterschiedliche Rezeption der Projekte NachRichten in Österreich und Zeitungszeugen in Deutschland, bei denen Reproduktionen von Zeitungen aus der NS-Zeit mit Kommentar versehen im Zeitschriftenhandel publiziert wurden bzw. werden. Aus ihrem Resumee über die Focusgruppen-Interviews (Meinungsforschung): „So war es den österreichischen Probanden enorm wichtig, dass die Reihe von einem Testimonial nach außen vertreten würde, das der Leserschaft quasi die Erlaubnis erteilt, sich mit den nationalsozialistischen Materialien zu beschäftigen. [...] In Deutschland fand die Idee, Wortmeldungen von unterschiedlichen Menschen des öffentlichen Lebens zur Reihe abzudrucken, keinen Anklang, im Gegenteil. Sie wurde in den Interview mehrfach kritisiert. Die Probanden fühlten sich gemaßregelt und nicht ernst genommen.“

Interessant sind weiters die Beiträge von Klaus-Dieter Mulley über die Liquidierung der (1934 gleichgeschalteten) Arbeiterkammern 1938 und von Berthold Unfried über den „anwendungsorientierten Antisemitismus“ bei der Verwendung der Kategorien „jüdisch“ und „arisch“ in der „Arisierung“ der österreichischen Wirtschaft 1938/39. Hervorzuheben ist auch Lucile Dreidemy, die Grenzen der Leidenschaft zur geschichtspolitischen Provokation in der österreichischen Öffentlichkeit thematisiert.

Freitag, 30. Dezember 2011

Der große Illusionist




Ernst Hanisch
Der große Illusionist
Otto Bauer (1881−1938)
Wien/Köln/Weimar 2011
(Böhlau Verlag)
478 S.






Das Fehlen einer wissenschaftlichen Biographie Otto Bauers war bisher ein großes Defizit. Der Historiker Ernst Hanisch hat sich daran gemacht, diese Lücke zu schließen. Spannend macht das Werk, daß Ernst Hanisch schon in bisherigen Veröffentlichungen zur Person Bauers einen streitbaren, kritischen, aber Scheuklappen vermeidenen Blick zeigte. Hanisch ist frei von jedem Verdacht einer lagergeschichtlich orientierten Hagiographie: „Ich war nie Sozialist. Ich komme herkunftsmäßig aus einem ,liberalen Katholizismus, mit einem stark sozialen Anspruch“ definiert er eingangs seine Position.

Hanischs zentrale Kategorie zum Verständnis Otto Bauers ist eine religiöse Schablone: Bauer habe „eine Glaubensentscheidung für den Sozialismus“ getroffen, erlebte in der Pubertät „eine Bekehrung zum Marxismus“ und „dieser Glaube war ernst und ernsthaft: ein Zustand der Ergriffenheit, ein ,heiliges, letztgültiges Ziel, das sein ganzes Leben prägte“, dieser „hartgehämmerte Glauben an den Sozialismus“. Hanisch argumentiert dies nicht. Die Belegstellen, die er zwischendurch einstreut, überzeugen wenig. Daß Bauer „selbst von der religiösen Dimension des Glaubens an den Sozialismus“ gesprochen habe, wenn er 1922 in einem Brief an Friedrich Adler in einer persönlichen Bemerkung über die politische Wandlung des gemeinsamen Freunds Rudolf Hilferdings schreibt „Seitdem er aber den Glauben verloren hat (Hervorhebung E. H.), hat er sich in eine Richtung verändert, die ich gerade bei ihm nie für möglich gehalten hätte. Es ist eine Erfahrung, die für mich ein Stück Glaubens an die Menschen zerstört.“ scheint mir ein zu kühner Schluß zu sein.
Dies führt zu Fehl-Analogien. So ist Otto Bauers Konzeption eines integralen Sozialismus, sind seine händeringenden Versuche, in der Verzweiflung der Alternative Hitler oder Stalin Ende der dreißiger Jahre, zu kritisieren. Hanisch verfehlt aber den politischen Punkt, wenn er meint „Der Wunsch des Gläubigen, einen konkreten Ort zu finden, wo der Sozialismus (wenn auch unter großen Schmerzen und Opfern) aufgebaut werde, war bei Bauer stärker als das kritische Potential des unabhängigen Intellektuellen.“ Hanisch verrennt sich in oftmaliger Wiederholung der These der religiösen Dimension, ohne diese These wenigstens einmal ausführlich darzulegen. Er verwischt politische Überzeugungen und Religion als wäre es einerlei.

Ein großes Versäumnis ist, daß Hanisch eine weitere zentrale Begrifflichkeit seines Buchs nicht erklärt, obwohl sie sich sogar im Titel des Buchs befindet, nämlich dies des Illusionisten. Hanisch bezieht sich einmal, im Verhältnis und Verständnis von Marxismus und Wissenschaft, auf François Furet und dessen Kommunismus-Bilanz Das Ende der Illusion, wo dieser schreibt, der Marxismus schien „das Geheimnis zu eröffnen, das den Menschen befähigt, die göttliche Rolle zu übernehmen und damit die Nachfolge Gottes anzutreten.“ Aus dieser religiös grundierten Illusion rührt wohl Hanischs Begriff des Illusionisten für Otto Bauer. Sonst gibt es nur wenige Hinweise, was Hanisch meint. Als „großer Illusionist“ habe sich Otto Bauer in der Hoffnung, die er rund um das Linzer Parteiprogramm 1926 geweckt habe, „offenbart“, schreibt er, da ein Parteiprogramm politisch-praktisch die ihm zugedachten Funktionen nicht erfüllen könne.
Ein Defizit ist die fehlende Definition und Argumentation des Begriffs Illusionist, da mit diesem zwei Konnotationen mitschwingen: Die desjenigen, der selbst einer Illusion anhängt, sowie die desjenigen, der anderen eine Illusion vorgaukelt. Für beide Varianten bietet Hanisch mögliche Anker in seinem Buch: Einerseits der vom Sozialismus überzeugte Bauer („Die tiefste emotionale Grundlage für diesen Glauben findet sich in der Sehnsucht nach Gerechtigkeit: einer ehrenhaften, noblen Sehnsucht. Dass sich dieser Glaube im Laufe des 20. Jahrhunderts als Illusion herausstellte, war die Tragik des Lebens von Otto Bauer.“ ) und andererseits der versagende Politiker. Diese Unbestimmtheit hätte Hanisch nicht im Raum stehen lassen sollen.

Es gibt im Buch auch kein resumierendes Schlußkapitel, in dem Hanisch diese Fragen aufnehmen könnte, sondern lediglich einen Schlußabsatz, in dem Hanisch seine Grundthesen rekapituliert. Das ist analytisch zu wenig, auch wenn Hanisch in diesem Absatz sein Resumé von Otto Bauers Biographie bei aller Kritik prägnant formuliert: „ein gescheiterter Politiker in einigen zentralen Bereichen, aber ein Historiker und Sozialwissenschaftler von Format. Trotz vieler Irrtümer hielt er an der Humanität der Menschen fest; kein Zyniker der Macht, persönlich bescheiden, glaubt er an die große Mission des Sozialismus − das war seine große Illusion.“ Zur Argumentation hätte ich gerne mehr gelesen.

Für Hanisch bleibt Bauer aber „der größte Politiker-Intellektuelle in Österreich im 20. Jahrhundert“. Damit hat er ohne Zweifel recht. Hier kommt bei Hanisch aber auch der Vorwurf in der Charakterisierung als Hamlet hinzu: „der Politiker in Bauer drängte zu Entscheidungen, der Intellektuelle dachte in Alternativen, wurzelte wohl auch in seiner Persönlichkeitsstruktur, auf Vermittlung ausgerichtet und gleichzeitig voller Scheu, eindeutige Entschlüsse zu treffen.“ Ernst Hanisch würdigt den politischen Schriftsteller und analytischen Historiker Bauer und kritisiert den Politiker Bauer hart.
Letzteres ist eine streitbare, aber vertretbare Position, wenngleich in der langen politischen Karriere Bauers auch Positives zu finden gewesen wäre. Unter Rückgriff auf Ludwig Leser macht Ernst Hanisch als zentrale Problematik des Politikers Otto Bauer nicht den Widerspruch von Theorie und Praxis bzw. pragmatischer Politik und radikaler Sprache aus, wie dies Norbert Leser tut, sondern eine Politik von einerseits/andererseits, „die Differenz zwischen dem scharfblickenden Analytiker und dem oft handlungsunfähigen Praktiker der Politik“.

Auch mich faszinieren die historisch-politischen Schriften Otto Bauers jedes Mal aufs neue. Ich habe die Lebensaufgabe der 9.000 Seiten der Werkausgabe bei weitem nicht alle durchgearbeitet, aber doch einiges studiert und mit hohem Genuß gelesen. Hanisch teilt meine Faszination, wenn er über Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, Otto Bauers mit Mitte zwanzig geschriebenem Erstlingsbuch aus dem Jahr 1907, schreibt: „Bereits mit dem ersten Buch trat er fertig vor das Publikum. Das marxistische Grundgerüst, angereichert durch die zeitgenössische ,bürgerliche Wissenschaft (hier durch Kant), eine Methode, die leicht zur Rechthaberei verführte, ein prinzipiell historischer Zugang zu den Problemen (dabei gelingen ihm packende, holzschnittartige historische Skizzen), die Verwendung ausführlicher Statistiken als empirische Basis und der Mut, Kernprobleme seiner Zeit und der Gesellschaft direkt anzugehen (in diesem Fall das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie).“
Damit bringt Hanisch die Meisterschaft Otto Bauers in wenigen Worten präzise auf den Punkt. Auch sein Einwand, „die marxistische Vorgabe zwang Otto Bauer gleichzeitig in ein deterministisches Gefängnis; immer wieder verführte sie ihn zu Voraussagen aufgrund der vermeintlich ehernen historischen Gesetze, die häufig von der Realität falsifiziert wurden“, stimmt zwar für den Historiker, es gibt bis heute aber auch gescheite politische Autorinnen und Autoren, die in ihren Büchern ebenso oft falsch liegen, wenn man sie im zeitlichen Abstand liest.
Dies gilt auch für Bauers zweites großes Buch Die österreichische Revolution, seine Geschichte der Entstehung der Republik aus dem Jahr 1923. „Bauer schrieb eine Gesellschaftsgeschichte, eine transnationale Geschichte, bevor es die Namen dieser historischen Paradigmen gab.“ hält der Geschichtswissenschaftler Hanisch fest.

Hanisch bringt Informationen über den privaten Menschen Otto Bauer in bisher ungekannter Fülle und korrigiert Details und Legenden.
Über das Seelenleben Otto Bauers nach Gefangennahme an der russischen Front im Ersten Weltkrieg gibt es wenig Quellen. Diese Lücke füllt Hanisch durch psychologische Mutmaßungen: „Bauer war bedrückt. Hatte er durch denn ,übereilten Entschluß zum Sturmeine Katastrophe ausgelöst? ... Wie läßt sich diese übergroße militärische Schneidigkeit Bauers erklären? Den politischen Hintergrund habe ich bereits beschrieben. Hinzu treten wohl auch persönliche Gründe, die des Juden und des Intellektuellen. Als Jude war er ständig mit dem Vorwurf der Feigheit und Unmännlichkeit konfrontiert, als Intellektueller mit dem Vorwurf der Kopflastigkeit und der Stubenhockerei. Seine forcierte Tapferkeit könnte so eine Überreaktion auf diese latenten Vorwürfe gewesen sein.“ Könnte. Hanisch formuliert zu recht im Konjunktiv, denn auch wenn seine Annahmen plausibel und möglich sind, bleiben sie doch eine Vermutung.

Ein schlimmes Mißgeschick (von Lektorat und Verlag?) ist das Fehlen des Anmerkungsapparats. So kann man nur mutmaßen, ob Hanisch in den jeweiligen Fußnoten eine Literaturangabe machen oder einen Gedanken formulieren wollte.

Ernst Hanisch hat mit seiner Biographie einen Meilenstein gesetzt, um den man künftig in Beschäftigung mit der Person Otto Bauer nicht herumkommen wird. Er füllt damit eine große Lücke. Leider trüben aber unverständliche Unklarheiten und nicht argumentierte Thesen diese Leistung.



Eine kleine Auswahl von Otto Bauer aus meiner Bibliothek:

Montag, 15. August 2011

Der Parthenon




Mary Beard
Der Parthenon
Stuttgart 2009 (Reclam)
240 S.








Da im anstehenden London-Aufenthalt eine eingehende Besichtigung des British Museum am Plan steht, habe ich mich ein wenig in die Geschichte von dessen bedeutendstem Ausstellungsstück, dem Fries des Parthenons, eingelesen.

Die Altertumswissenschaftlerin Mary Beard hat dazu 2002 ein lesenswertes Buch veröffentlicht, dessen 2009 erschienene Übersetzung von Ursula Blank-Sangmeister und Anna Raupach den schwungvollen und flott zu lesenden Sprachstil vermittelt.

Der über allem stehenden und seit fast zwei Jahrhunderten währenden Streitfrage, ob die mehr oder weniger brutale Demontage der Skulpturen von der Ruine des antiken Parthenon-Tempels auf der Akropolis von Athen und ihr Abtransport nach England Anfang des 19. Jahrhunderts mehr Raub oder mehr Rettung war, nähert sich Beard in nüchterner Herangehensweise. Sie beleuchtet beide Seiten .

Überaus spannend macht das Buch Beards Ansatz, die Geschichte des Parthenons nach der Antike genauso zu betrachten wie zur Zeit seiner Entstehung: „Der Parthenon ist schließlich auch eine moderne Ikone, nicht nur eine antike Ruine. Wenn wir seine Bedeutung in der antiken Welt erfassen wollen, müssen wir auch verstehen, was mit ihm in den vergangenen 2000 Jahren passiert ist“. Bemerkenswert für eine Althistorikerin nimmt sie so das Bauwerk in größerem Kontext ins Blickfeld als allein im Fokus auf das 5.Jh.v.u.Z.

Beard verweist darauf, daß sowohl die Umwandlung des Gebäudes für christliche als auch später für islamische Zwecke zentral wichtig war, um es zu erhalten und so seinen Fortbestand zu sichern. „Als die neuen türkischen Herrscher den Parthenon in den frühen 1460er-Jahren zu einer Moschee umfunktionierten, war er de facto etwa genauso lange eine christliche Kirche wie vorher ein heidnischer Tempel gewesen. Die meisten modernen Wissenschaftler (und Reiseführer) [...] nehmen keine Notiz von den glorreichen Zeiten des Parthenons als Kirche der Heiligen Maria von Athen. Erst recht keine Notiz nahm man von der Moschee, der nächsten Metamorphose des Parthenons.“

Zur Verteidigung der Stadt wurde die Anlage der Akropolis hoch über Athen immer schon genutzt. So auch Ende des 17. Jahrhunderts von den damaligen osmanischen Truppen. Dabei kam es zur Katastrophe.
„Die Türken hatten, gelinde gesagt, sehr großes Pech mit ihren Pulverdepots“, schreibt Beard. „Im Jahr 1645 schlug in das Magazin in den Propyläen der Blitz ein, die Familie des Disdar kam dabei ums Leben und das Bauwerk trug starke Schäden davon. Als Athen 1687 erneut angegriffen wurde, diesmal von venezianischen Streitkräften einer gegen das Osmanische Reich gerichteten Heiligen Liga, beschloss man, die Munition (zusammen mit den Frauen und Kindern) stattdessen im Parthenon unterzubringen. Möglicherweise vertrauten sie, so die Meinung eines venezianischen Historikers, ,auf die Stärke der Wände und Gewölbe. Oder vielleicht dachten sie auch, dass die gegnerischen Christen nicht versuchen würden, ein Gebäude zu zerstören, das so lange Zeit eine berühmte Kirche gewesen war. Wie auch immer, sie waren gewaltig im Irrtum. Die venezianischen Armee unterstand einem schwedischen General, Graf Koenigsmark, und dieser bombardierte den Bau. Noch erhaltene Spuren allein an der Westseite zeigen, dass etwa 700 Kanonenkugeln ihr Ziel trafen, und etliche der mörderischen Geschosse wurden noch an Ort und Stelle gefunden. Schließlich geschah das Unvermeidliche, das Munitionslager fing Feuer und es kam zu einer gewaltigen Explosion. 300 Menschen verloren dabei ihr Leben (was in der Geschichte der archäologschen Tragödie gewöhnlich vergessen wird), das Zentrum des Gebäudes flog in die Luft, 28 Säulen, Teile des Frieses und der Innenräume, die als Kirche und Moschee gedient hatten, wurden zerschmettert.“
Beard resumiert: „Von da an ist die Geschichte des Parthenons die Geschichte einer Ruine.“

Zu beachten ist, daß die Ruine, die nach 1687 bestand, einen weitaus ruinierteren Anblick bot als sie dies heute tut: ,Unser Parthenon mit seiner unverwechselbaren Silhouette ist ein Werk des frühen 20. Jahrhunderts. Was die Explosion zurückließ, war ein Trümmerfeld mit einigen Säulen an jeder Seite. In den 1920er Jahren wurde Säulen aus verschiedenen Bruchstücken zusammengesetzt und aufgestellt und so erst der heutige Anblick einer durchgehenden Säulenreihe gestaltet.

Als symbolbeladener Ort des zunächst kleinen, neuen unabhängigen griechischen Staates wurde der Parthenon im Lauf des 19. Jahrhunderts bearbeitet und spätere Gebäude ungeachtet eigener jahrhundertealter Geschichte abgerissen. „Alles, was der Besucher heute sehen kann, ist das, was die Archäologen des 19. Jahrhundert für die Nachwelt erhalten wollten; ein paar klassische Monumente aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., die in herrlicher (beklemmender) Vereinzelung dastehen und ihrer späteren Geschichte weitestgehend beraubt sind.“

Ein sehr gut geschriebenes, kurzweiliges und dabei überaus informationsreiches kleines Buch.

Dienstag, 8. Februar 2011

Über Kreisky




Helene Maimann
Über Kreisky
Gespräche aus Distanz und Nähe
Wien 2011 (Falter Verlag)
280 S.







Dieses Buch erschien in Ergänzung zu einem Film, den Helene Maimann aus Anlaß des 100. Geburtstags Bruno Kreiskys herausbrachte. Es läßt die Interviews mit den Geprächspartnerinnen und Gesprächspartnern des Films im Volltext nachlesen. Buch wie Film lassen aus den vielschichtigen Erzählungen ein interessantes Bild der Person entstehen.

Franz Vranitzky hat in seinem Vorwort recht, wenn er schreibt, daß sich das Buch gleichermaßen aufschlußreich wie erfrischend liest und man nicht nur einiges über Kreisky lernt, sondern auch so manches über die Interviewten. Helmut Schmidt äußert sich etwa mehr über politisch-philosophische oder weltpolitische Fragen und hat augenscheinlich über Bruno Kreisky wenig zu sagen.

Das Interesse Maimanns an den Vorgängen rund um den Terrorüberfall auf jüdische Flüchtlinge aus der Sowjetunion 1973 bildete schon im Film einen kleinen Schwerpunkt (der beeindruckende Auftritt Kreiskys bei der Pressekonferenz!) und findet auch in den Langfassungen der Gespräche seinen Niederschlag.

Ansprechend in der grafischen Aufmachung des Texts war die Gestaltung der Anmerkungen als Randglossen, wie im neuen Layout des Falter praktiziert. Die auf eine ganze Seite aufgeblasenen Zitate zu Beginn der Interviews sehen dagegen unschön aus.

Das spannende und kurzweilige Buch läßt sich regelrecht verschlingen. Mit Interesse habe ich die prägnanten Einschätzungen nachgelesen, die schon im Film auffielen, wie etwa Oliver Rathkolbs bemerkenswertes Bild von der Betonmischmaschine: Das Kreisky in einem Land mit einem so hohen Anteil an ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, SS-Angehörigen, Wehrmachtsangehörigen doch eine derartige politische Karriere erzielt hat, ist sicher ein Paradoxon und hängt primär damit zusammen, daß er sich diesem engen geschichtspolitischen Rahmen − die Gräben zuschütten, möglichst nicht darüber reden − dann letzten Endes angeschlossen hat und sogar versucht hat, noch einmal eine Betonmischmaschine darüberfahren zu lassen.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Das Bruno Kreisky Album



Andreas Pittler
Das Bruno Kreisky Album
Schleinbach 2010
(Edition Winkler-Hermaden)
112 S.






Eine Anzahl sehr netter und teils unbekannter Bilder von Bruno Kreisky bietet dieser Band, was angesichts der zahlreichen Publikationen und medialen Omnipräsenz über die Jahrzehnte durchaus bemerkenswert ist.

Ein Highlight ist dabei das Bild, in dem ein schon älterer Kreisky, wohl Anfang der 1980er Jahre, als Beifahrer neben einem Kind im Autodromwagen sitzt (hier zur Ansicht). Er schaut dabei etwas unrund aus. Ein dennoch wohl gut inszeniertes Motiv. Das sind Bilder, nach denen Pressephotographen gieren und die Presseverantwortliche erfreuen. Der Bildtext besagt, Kreisky suchte selbst im Wiener Prater das Gespräch und war auch für Freizeitvergüngungen jederzeit zu haben. Die Textierung im Stil einer Werbebroschüre beleuchtet das Hauptproblem des Buchs: So gut die Bilder sind, so schwach ist der Text. Von Andreas Pittler erschien bereits eine kurze Biographie Kreiskys, die zwar informativ, aber unkritisch ist. Dieses Problem hat sich hier, bei weniger Text, verschärft. Keine Analyse, sondern Aneinanderreihen von Fakten. Es ist zu empfehlen, nur die Bilder anzusehen und den nur für Einsteigerinnen und Einsteiger ohne Vorkenntnisse geeigneten Begleittext lieber nicht zu lesen.

Eine glatte Fehlinformation bietet das Buch auf Seite 14, wo es heißt, daß Bruno Kreisky am 1. Februar 1967 mit überwältigender Mehrheit zum fünften Vorsitzenden in der Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie gewählt wurde. Bei aller Liebe zur Hagiographie: Kreisky erhielt damals mit 69,8 Prozent das niedrigste Ergebnis, das jemals in der Geschichte ein SPÖ-Parteivorsitzender bei seiner Wahl erhielt (fast 20 Prozentpunkte unter dem zweitschlechtesten Ergebnis, Fred Sinowatz 1987 mit 88%). Die Zahl war aufgrund der Vorgeschichte mit Kreisky als Gegenkandidat zum Favoriten von Wiener Landespartei, Gewerkschaft und bisherigem Parteivorsitzenden, verständlich. Die Wahl Kreiskys war sensationell, aber überwältigend war sie nicht. Am nächsten Parteitag, 1968, erhielt Kreisky dann schon 97 Prozent.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Bruno Kreisky




Wolfgang Petritsch
Bruno Kreisky
Die Biografie
St.Pölten/Salzburg 2010 (Residenz)
420 S.







Das Buch, das man zum 100. Geburtstag Bruno Kreiskys lesen muß. Bisher lag von Wolfgang Petritsch, seinem Mitarbeiter von 1977 bis 1983, ein kürzerer biographischer Essay vor (2000 erschienen), der von ihm nun zu einer wuchtigeren Biographie ausgeweitet und vertieft wurde.
Auch wenn man meint, viel vom Leben Kreiskys zu wissen, man ja schon einiges gelesen hat, bietet das Buch einen interessanten Einblick und bringt manch Neues.

Am spannendsten ist ja immer wieder die erste Hälfte von Kreiskys Leben. Oftmals führte er ja später selbst seine Politik auf seine prägenden Erfahrungen als vom Austromarxismus begeisterter Jugendlicher, politischer Häftling des Austrofaschismus, Flüchting vor dem Naziregime und Exilant in Schweden an. Petritsch liefert hier eine detailreiche und farbige Schilderung, die mit Gewinn und Genuß zu lesen ist.

Tiefe Spuren in der Geschichte der Zweiten Republik hat Bruno Kreisky als Bundeskanzler von 1970 bis 1983 hinterlassen. Vor allem in den ersten Jahren galt Bruno Kreisky, der ,Mediator der Veränderung, schlechthin als Inbegriff des Fortschritts, wie Petritsch schreibt. Kreisky verstand es, eine gleichermaßen von den rasanten technologischen Entwicklungen in der Welt angetriebene Aufbruchstimmung geschickt zu nutzen. Von ihm erwarteten nun viele einen österreichischen Weg in die Moderne, den Anschluß an die machtvollen Trends der damaligen Gegenwart. Der Modernisierungsschub der siebziger Jahre ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Kreisky trug als Kanzler maßgebliche Verantwortung dafür. Vor allem der Reformfurioso der ersten Legislaturperiode mit absoluter Mehrheit 1971−1975 beeindruckt in jeder Hinsicht. Das Österreich vor den damaligen Gesellschafts-, Sozial- und Bildungsreformen ist heute fern wie das 19. Jahrhundert. Über diese Leistungen erfährt man in Petritschs Buch allerdings sehr wenig. Die Person steht hier stärker im Vordergrund als seine (Innen-)Politik. Hier hätte man gerne mehr gelesen. Auch Kreisky in seiner Eigenschaft als Parteivorsitzender kommt mir etwas zu kurz, sowohl in der Oppositions- als auch in der Regierungszeit.

Der aktiven Außenpolitik Kreiskys räumt der Diplomat Petritsch dagegen mehr Platz ein. Kenntnisreich beleuchtet er dessen Versuche, in der Nahostpolitik Akzente zu setzen. Er scheut auch nicht vor harten Urteilen und dem Aufzeigen von Fehlentwicklungen zurück. So sind Petritschs differenzierte Analysen der Konflikte Kreiskys mit Simon Wiesenthal und mit Hannes Androsch eine Stärke des Buchs. Er flüchtet sich nicht in populärpsychologische Ausführungen, sondern analysiert die heftigen persönlichen Auseinandersetzungen anhand zugrundeliegender politischer Konflikte. Ohne Kreiskys nicht zu entschuldigenden Attacken auf Wiesenthal jenseits von gut und böse zu relativieren, beschreibt er als Kreiskys Motiv, Wiesenthal als ÖVP-Parteigänger anzugreifen, was ein größeres Erklärungsmoment besitzt als alleiniges Kaprizieren auf jüdischen Selbsthaß und dergleichen.

Petrisch schöpft in seiner Biographie aus einem großen Fundus an Erinnerungen, Gesprächen und schriftlichen Quellen. Leider kennzeichnet er aber überwiegend nicht, woher sein Zitat kommt oder worauf seine Darstellung fußt. Manchmal läßt es sich aus dem Zusammenhang vermuten. Bei dem hochspannenden Archivstück der Einschätzung des US-Botschafters über die Person Kreiskys aus dem Jahr 1959 versieht Petritsch dies mit einer wissenschaftlich allen Anforderungen entsprechenden Quellenangabe. Bei manchen Bezügen auf andere Personen beruft er sich auf Gespräche oder einen Briefwechsel mit diesen. Doch in Summe bleibt hier leider eine Lücke, die ein dickes Malus des Buchs für eine weitere Verwendung ist.
Dennoch wird man fortan um dieses Buch bei der Beschäftigung mit Kreisky nicht herumkommen. Es ist ein großer Wurf.

Montag, 17. Januar 2011

Arbeit und Wirtschaft, 7-8/2010 und 9/2010

Arbeit & Wirtschaft
Nr.7-8/2010
46 S.


Arbeit & Wirtschaft
Nr.9/2010
46 S.




Entweder ist die Frau Mutter, ... ist sie aber in erster Linie Lehrerin, dann muss sie ihre Kindern fremden Personen zur Betreuung und Erziehung überlassen, während sie fremde Kinder erzieht. Beides gleichzeitig geht nicht. Beim Naturinstinkt des Weibes als Mutter wird sie aber in den meisten Fällen die Schule vernachlässigen und sich mehr ihrer Familie widmen. Mit diesen Worten begründete die Vorarlberger Landesregierung noch zu Beginn der Zweiten Republik ihren Versuch, das Eheverbot für Pflichtschullehrerinnen beizubehalten, das schließlich 1949 wie zuvor in den anderen Bundesländern doch abgeschafft wurde. Vor dem Zusammenbruch der Monarchie durften verheiratete Frauen nur in Wien ohne Einschränkung berufstätig sein. An die Geschichte des Zwangszölibats, der auch für Dienstbotinnen und Dienstboten und andere Berufsgruppen galt, erinnert Brigitte Pellar in der Juli/August-Ausgabe.
Nur in der Vorstellungswelt der bigotten katholischen Sexualmoral konnte die Ehelosigkeit aber die Entstehung von Kindern verhindern. Pellar erwähnt dazu, daß 1930 im Salzburger Pinzgau über 90 Prozent der Kinder von Dienstmägden unehelich geboren wurden. Für Mütter wie Kinder hatte das gravierende soziale Folgen in ihrem weiteren Leben.

Das Septemberheft bot im Vorfeld der Wiener Gemeinderatswahlen einen spannenden Schwerpunkt zum Thema Integrationspolitik.

Freitag, 10. Dezember 2010

Blätter, Dezember 2010



Blätter für deutsche und internationale Politik
Heft 12/2010
128 S.







Historisch spannend ist in dieser Ausgabe die tour d'horizon durch christliche Kirchengeschichte und Philosophie über die Geschichte der Gier des Theologen Christoph Fleischmann. Er schreibt vom gerechten Preis in der Gedankenwelt des Mittelalters und über Martin Luther. Interessant ein aktueller Seitenhieb anläßlich des Augsburger Stadtschreibers Conrad Peuntinger. Dieser agierte zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach heutigen Maßstäben als Lobbyist für die damals mächtigen Augsburger Handelshäuser und schrieb Gutachten, die in der späteren Literatur als die Anfänge der deutschen Wirtschaftswissenschaften gefeiert würden, was Fleischmann zur Bemerkung veranlaßt: Die Geburt der Wirtschaftswissenschaft aus dem Geist des Unternehmer-Lobbyismus − das wäre eine reizvole These, der man einmal genauer nachgehen könnte.

Einem historisch interessierten Kreis bekannt ist Peutinger ja vor allem aufgrund der nach ihm bekannten Tabula Peuntingeriana, einer faszinierenden spätantiken Straßenkarte des römischen Reichs, die in der Österreichischen Nationalbibliothek liegt.

Dienstag, 14. September 2010

Europäische Rundschau 2010/2




Europäische Rundschau
2/2010
150 S.







Pophistoriker: Gibt es diesen Begriff? Wenn nicht, dann präge ich ihn hiermit in Anlehnung an den Begriff Popliteratur. Das hat nichts mit Popmusik zu tun. Der britische Pophistoriker Niall Ferguson jedenfalls beschäftigt sich mit dem alten, großen Thema des Aufstiegs und Falls von Imperien und meint, daß diese entgegen landläufigen Typisierungen nicht Phasen langen Abstiegs erleben, sondern komplexe Systeme sind, die nicht einen gemächlichen Zyklus von Arkadien über die Hochblüte zu Armageddon durchlaufen, sondern früher oder später plötzlichen und katastrophalen Fehlleistungen erliegen.

Sonst ist noch Ignác Romsics' tour d'horizon durch die ungarische Geschichte des 20. Jahrhunderts im Heft interessant.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Kampf um die Stadt




Kampf um die Stadt
Politik, Kunst und Alltag um 1930

Wien Museum im Künstlerhaus
19.11.2009 bis 28.3.2010





Eine wahrhaft große Ausstellung.

Im ersten Stock spannend der Kontrast der sich entwickelnden modernen Großstadt Wien um 1930, in der erste Hochhäuser gebaut werden, der Autoverkehr zunimmt (ein Highlight gleich zu Beginn: der Verkehrserziehungsfilm!) und etwa das epochale Wohnbauprogramm des Roten Wien angegangen wird, mit der lagerübergreifenden Naturromantik, der mir unbegreiflichen Sehnsucht nach Bergen und der damit verwobenen konservativen Heimatideologie, die in der Stadt und ihrer Entwicklung zur Moderne nahezu den Ursprung alles Bösen sieht.

Im Erdgeschoß darauffolgend eine prägnante Darstellung der bewegten Politik jener Jahre, die immer wieder unglaubliche Wucht des Ringens von Demokratie und Diktatur, von ArbeiterInnenbewegung und christlichem Konservatismus und schließlich Faschismus, von politischer Gewalt und schließlich offenem Bürgerkrieg. Diese Brüche werden dann in Kontext gebracht mit der gleichzeitigen Veränderung des Alltags der Menschen in Freizeit, Konsum, Kunst und Kultur. So fügt sich ein umfassendes Bild der Zeit .

Ich erwarte mit Freude das Erscheinen des Katalogs.

Donnerstag, 28. Mai 2009

Blätter, Mai 2009



Blätter für deutsche und internationale Politik
Heft 5/2009
128 S.








Zum 60-jährigen Jubiläum des deutschen Grundgesetzes gibt es drei interessante Artikel. Hans Karl Rupp berichtet über den antifaschistischen Impetus und dessen antikommunistischer bzw. antitotalitärer Interpretation im Kalten Krieg. Ines Reich-Hilweg über die Entstehungsgeschichte der Gleichberechtigungsparagraphen und die Diskussionen um gleichen Lohn für gleiche Arbeit im Parlamentarischen Rat, der die Verfassung ausarbeitete. Otmar Jung sieht das Fehlen von Volksabstimmungen als Defizit und beleuchtet, daß es historisch falsch ist, dies als damalige Schlußfolgerung der Weimarer Republik zu sehen: "Die negativen 'Erfahrungen' mit Volksbegehren und Volksentscheid als angebliche historische Lehre bestanden nicht bei der Schaffung des Grundgesetzes, sondern entstanden ein Jahrzehnt später während des erbitterten Streits um die Wiederbewaffnung und vor allem die atomare Ausrüstung der Bundeswehr. Sie waren eine geschichtspolitische Konstruktion und erstklassige Waffe in der tagespolitischen Auseinandersetzung."

Spannende historische politischen Diskussionen und sehr Informatives zum Werden des politischen Systems in Deutschland.

Freitag, 8. Mai 2009

"Auch schon eine Vergangenheit"




Ulrike Felber (Hg.)
"Auch schon eine Vergangenheit"
Gefängnistagebuch und Korrespondenzen von Bruno Kreisky
Wien 2009 (Mandelbaum Verlag)
162 S.







Das Buch versammelt viel biographisches Material zur Jugend von Bruno Kreisky. Ulrike Felber präsentiert interessante Dokumente wie Briefe Kreiskys an eine deutsche Sozialdemokratin vor 1934, in denen er die politische Entwicklung in den letzten Jahren der Republik kommentiert, sein in austrofaschistischer Haft geschriebenes Gefängnistagebuch, Kassiber an Mithäftlinge und Briefe aus der Haft an einen Freund und an seine Eltern. Eingebettet in umfangreiche Hintergrundinformationen zum historischen und biographischen Kontext.

Es krampft einen zusammen, wenn man Kreiskys Tagebuchnotiz liest, wie der damals 24-Jährige aufgrund seines "Verbrechens" sozialdemokratischer politischer Aktivität 1935 verhaftet wurde:
"Trotzdem war ich heiter u[nd] recht guter Dinge. Wie ich jedoch hinter mir die erste Gittertür ins Schloß fallen hörte, gab es mir einen leichten Riß. Man begibt sich in eine Höhle, um den Ausgang besser zu finden, rollt man einen Faden ab, der reißt plötzl[ich] irgendwo. Man wird schon hinausfinden, denkt man beruhigend nach dem ersten Schrecken, dann merkt man, daß die Höhle viele Gänge hat. Man findet doch nicht sobald hinaus wie man dachte."

Nichts kann das Erleben, ins Gefängnis geworfen zu werden, nachvollziehbarer machen als wenn Bruno Kreisky, den die Politjustiz mit seinen Mitverhafteteten monatelang ohne Anklage "dunsten" ließ, verzweifelt schreibt: "Warum habe ich schon 14 Tage keinen Brief v[on] R. bekommen? Das beunruhigt mich. Ist irgendetwas geschehen? Wissen die draußen denn nicht, wie man auf ein paar Zeilen wartet?"

Wie viele andere SozialdemokratInnen in der Geschichte vor ihm, wie auch schon Victor Adler im Gefängnis der Monarchie oder August Bebel in Deutschland, nützte Kreisky die Zeit als "Haftuniversität", in der er - so systematisch wie es ihm möglich war - greifbare historische und politische Literatur studierte, von 6 Uhr morgens von 6 Uhr abends, wie er berichtet. Wenn der spätere Politiker aus schier unerschöpflichem Fundus an theoretischem und historischem Wissen schöpfte, lag hier die Grundlage.

Ein sehr verdienstvolles Buch, das einem mit seinen Dokumenten sehr stark den Mensch Kreisky in seinen prägenden Erfahrungen als junger Mann näher bringt.

Freitag, 3. April 2009

Die Ära Kreisky und ihre Folgen



Wolfgang Maderthaner / Siegfried Mattl / Lutz Musner / Otto Penz
Die Ära Kreisky und ihre Folgen
Fordismus und Postfordismus in Österreich
M.e.Vorw.v. Hannes Androsch
Wien 2007 (Löcker)
211 S.






Das Buch ist keine eigentliche historische Darstellung der sozialdemokratischen Regierungszeit unter Bundeskanzler Kreisky 1970-1983, sondern ein theoretische Verortung derselben.
"Man wird die Kreiskysche Moderne und die in ihr angelegten politischen und kulturellen Potenziale einer kritischen Analyse allerdings nur dann unterziehen können, wenn man ihre Logik in den Kontext tendenziell global wirksamer Regimes ökonomischer Regulation stellt, also die österreichische Kultur der 1970er Jahre im Zusammenhang mit einer lokalen Ausprägung eines international bestimmten Fordismus/Keynesianismus zu verstehen und darin den Begriff des Politischen zu verorten versucht." schreiben Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner.

Das Spezifische am österreichischen Fordismus (industrielle Massenproduktion von Konsumgütern, Massenkonsum dieser durch die Mittelklasse und aufsteigende Facharbeiterhaushalte, Vollbeschäftigungspolitik und Sozialstaat, Sozialpartnerschaft etc.) seien weniger diese Merkmale, sondern, daß er erst nach der Wirtschaftskrise 1973/74 seine Blüte erreichte. Maderthaner und Musner interpretieren die 70er Jahre als "nachholende wirtschaftliche Modernisierung", korrelierend mit einem "gesellschaftlichen Reformschub", von dem sie "ihre politisch-kulturelle Legitimation" erhält. "Die damit bewirkte kontingente Engführung von Wirtschaft, Politik und Kultur verdichtet sich zu einer Konstellation, die - international beachtet - als 'österreichischer Weg' für ein Jahrzehnt hegemonialen Status erreicht." Repräsentiert durch Bruno Kreisky als Person, der nicht nur "die Neumodellierung des Politikers als Medienikone, sondern auch eine außergewöhnliche und eigentümliche Mischung von Geschichte, Gedächtnis und Gegenwartspolitik" darstellte.
Postfordismus heißt in Österreich dann Absatzkrise für klassische Industriegüter und Hinwendung zu Hochtechnologie und Dienstleistungen, Rationalisierung und Flexibilisierung, Rücknahme sozialstaatlicher Regelungen, Schwächung von Gewerkschaft und Sozialpartnerschaft, Sockelarbeitslosigkeit statt Vollbeschäftigung, Transnationalisierung der Wirtschaft durch Verkauf von Unternehmen ans Ausland und Vorbereitung des EU-Beitritts etc. Spezifisch an der österreichischen Situation sei hier wiederum die die "diskursive, d.h. politische Konstellation": Denn während dies international unter "konservative Revolution" und Neoliberalismus lief, geschieht dies in Österreich durch eine Rückkehr zur Großen Koalition.
Weiters kontextualisieren Maderthaner und Musner hierin die Kritik von Josef Haslinger oder Robert Menasse an der österreichischen Politik und Gesellschaft Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre.

Sehr wichtig ist auch ihr Hinweis, daß die Sozialpartnerschaft "als spezifisch österreichische Kultur eines fordistischen Produktionsregimes" der 60er und 70er Jahre "- topographisch gesehen - überwiegend eine Sache weniger Industrieregionen und wirtschaftlich potenter (Klein)Städte" war und "keine Sache der agrarisch und alpin bestimmten Regionen Österreichs", wo "nach wie vor eine weitgehend ständisch bzw. hierarchisch organisierte Gesellschaft" vorherrschte.
"In der Provinz gab es nämlich - im Gegensatz zu den Städten und Industrieregionen - keine tradierte Kultur des Industrialismus, an die der Fordismus als kulturelle Formation hätte anschließen können. Somit blieben seine Veränderungspotentiale auf den ökonomischen Sektor (Landwirtschaft, Industrialisierung der Lebensmittelproduktion, agrarische Infrastruktur) und teilweise den sozialen Sektor (Familienstrukturen) beschränkt. Die tradierte Kultur der Provinz, ihr spezifisches Amalgam von Religion, kleinteiligen Lebenswelten, Autoritätsgläubigkeit und weltanschaulichem Konservatismus befand sich zwar im Wandel und in der Wertekonkurrenz, wurde aber nicht durch eine Kultur ersetzt, die mit den neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen korrespondierte."

Gegenüber der Wucht des Texts von Maderthaner und Musner stehen die weiteren Beiträge des Bandes etwas zurück. Sie haben aber auch eher die Aufgabe, die eingangs aufgestellten Thesen zu untermauern. So schreibt Otto Penz hierzu zur ökonomischen bzw. wirtschaftspolitischen Dimension der Kreisky-Zeit und Siegfried Mattl über Kunst, Kultur und Kulturpolitik.
Persönlich interessant, aber kontextlos schließen das Buch zwei Interviews mit Johanna Dohnal und Erwin Lanc ab. Leider wurde bei letzteren nicht vermerkt, wer diese Gespräche führte (und wann und wo).

Ein spannendes Buch.

Mittwoch, 11. März 2009

Österreich. 90 Jahre Republik


Stefan Karner / Lorenz Mikoletzky (Hg.)
Österreich. 90 Jahre Republik
Beitragsband der Ausstellung im Parlament
Red.: Manfred Zollinger
Innsbruck/Wien/Bozen 2008
(Studien Verlag)
636 S.





Das Problem dieses Sammelbandes: Es scheint, daß kein Konzept dahinter steht, sondern es sich um eine Addition von Beiträgen handelt.
So stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien manche Artikel die Anfangsjahre der Ersten Republik behandeln und andere einen Querschnitt über 90 Jahre geben. Dies ist für einzelne Beiträge logisch, im Gesamtzusammenhang klafft allerdings eine Lücke. Die Entwicklung der politischen Parteien ist so etwa auch nach den 1920er Jahren interessant. Die politische Entwicklung der Zweiten Republik wird überhaupt ausgeblendet. "Heiße", aktuellere, politische Konflikte kommen in vielen Artikeln schlicht nicht vor.
Anstelle eines einführenden Beitrags, der eine Klammer skizzieren hätte können, gibt es gerade mal eine Seite "Einführende Bemerkungen" der Herausgeber Karner und Mikoletzky, die ein "Bukett an Aufsätzen" ankündigen. Man muß "keinen Anspruch auf Vollständigkeit" erheben, aber ein über die Darbietung eines Buketts hinausgehendes Konzept ist kein Fehler.

Die Qualität der einzelnen Artikel ist mehr als heterogen.
Es gibt Beiträge von Fachleuten, die in ihrem Spezialgebiet brillante Kurzdarstellungen bieten, so u.a. Helmut Konrad über die Sozialdemokratie in der Ersten Republik, Robert Kriechbaumer über die Christlichsozialen in der Republiksgründungsphase, Hannes Leidinger über die Rätebewegung, Brigitte Bailer-Galanda über Verfolgung und Widerstand 1938-1945, Winfried R. Garscha über Entnazifizierung und Kriegsverbrecherprozesse nach 1945, Rolf Steininger über Südtirol, Emmerich Tálos über Arbeitslosigkeit und Sozialpolitik, Oskar Achs über Politische Bildung an den Schulen, Ernst Bruckmüller in einem weiteren Artikel über die Findung der österreichischen Nation im Kleinstaat. Hier wurde (von usual suspects) hohe Qualität versammelt und publiziert.

Es gibt aber auch anderes. Da meine ich jetzt gar nicht Dinge wie eine Darstellung der Rolle der katholischen Kirche, die ihren Weg - übrigens nicht nur im Buch, sondern notabene auch in der Ausstellung - wenig hinterfragt als "von der Stütze der Monarchie zur Mitgestalterin des demokratischen Staatswesens" beschreibt. Ihre Rolle als aktive politische Partei in der Ersten Republik wird nicht verschwiegen, die Implikationen und Folgen dieser Rolle und der wesentliche Beitrag am Schaufeln des Grabes der Demokratie und deren Abkrageln aber doch sehr geglättet. Oder wenn im Artikel über die Universitäten die heftigen Kontroversen um die Gesetze von 1975 und 2002 nicht erwähnt und hier ein sich aus der Logik der Sache ergebender Weg in "Autonomie" erscheint anstelle politischer Entscheidungen. Darüber kann man streiten und da spielt eine Portion Ideologie mit, ich geb's zu.
Aber angesichts der Folgenschwere (!) der Einschnitte das austrofaschistische Regime der Jahre 1933/34-1938 schlicht auszublenden und die Nazizeit und ihre Bewältigung auf 23 Seiten (von 636 - wir sprechen von 3,6 Prozent) zu drängen ist eines Buches zur Geschichte Österreichs in den letzten 90 Jahren unwürdig.

Dazu kommen noch Beiträge wie Gabriela Stiebers Artikel über "Migration und Zwangsmigration in Österreich", der eine Aneinanderreihung von Fakten ohne Analyse bietet, die Flüchtlings- und Vertriebenenlager des Ersten Weltkriegs schildert ohne deren sanitäre Bedingungen zu erwähnen und nicht auf die heiße Asyldiskussion der letzten beiden Jahrzehnte eingeht. Dabei wäre dieses Thema doch ein Paradefall, wo "bis heute wirksame Entwicklungsstränge dargestellt werden" könnten, wie das Karner und Mikoletzky als Inhalt des Bands beschreiben.
Stefan Karner schreibt in seinem Text über die Kärntner Minderheitenfrage vorzugsweise über sich selbst in der dritten Person und bietet Scheinobjektivität anstelle eines inneren Blicks auf einen Lösungsversuch Mitte der 2000er Jahre. Eine vertane Chance.
Den Vogel schießt aber ein Text von Helmut Wohnout über die wechselvolle und nicht unspannende Geschichte eines katholischen Pilgerheimes in Jerusalem ab. Interessante Sache, da sich hier in der Geschichte eines Hauses viel vom Nahostkonflikt spiegelt, leider etwas spooky geschrieben - doch v.a.: Was hat das in diesem Zusammenhang hier zu suchen? Was lehrt uns das über die Geschichte von 90 Jahren Republik? Nichts. Schlicht nichts. Es hat damit nichts zu tun. Was soll das?!

So bleibt ein letztlich unzufriedener Blick zurück auf dieses Buch. Manches war erstklassig, dazu zählen auch die Beiträge des des Blick von außen über "Österreich im internationalen Gefüge". Manches war - politisch motiviert, das unterstelle ich mal - lückenhaft, wie u.a. gleich zwei Beiträge zum Militär, die aber beide nur jeweils einen Satz zu den Bürgerkriegs-Einsätzen des Bundesheers 1934 "brauchen". Manches einfach schlecht. Das konnte auch ein gutes Schlußkapitel über "Identität und Erinnerung" mit einem glänzenden Essay von Manfred Zollinger über das wirkungsmächtige, aber nicht belegte Zitat "der Rest ist Österreich" nicht retten.

Donnerstag, 26. Februar 2009

Republikausstellung 1918|2008



Republik.Ausstellung 1918|2008
Parlament
12.11.2008 bis 11.4.2009.





Die schon seit Herbst laufende Ausstellung zum 90. Geburtstag der Republik in der Säulenhalle des Parlaments ist größer und - ich muß es sagen - besser als erwartet. Ich hatte mir eine sehr politisch-konservative Sache erwartet, was es dann in dieser Intensität nicht war.
Die Ausstellung ist nur zum Teil politikgeschichtlich und geht stark auf die Lebenswelt der Menschen in den vergangenen neun Jahrzehnten ein, von der Arbeitswelt (da hätte es mehr geben können), über Kultur (da hätte es mehr Popularkultur geben sollen) bis zur Unterschiedlichkeit der Lebensläufe 1918 und 2008.
Ein verhältnismäßig großes Eck beschäftigt sich mit der Frage von Schule und Politik im Laufe der Jahrzehnte - ein sehr gut gemachter Abschnitt, der wohl nicht zuletzt aufgrund der hohen Frequenz der Ausstellung durch SchülerInnen hier Platz gefunden hat.



Die Präsentation der Politik der Ersten Republik ist okay. Für sie gilt pars pro toto wie für die ganze Ausstellung: Kein Reißer, nicht innovativ, aber professionell gemacht. Für meinen Geschmack etwas zu glatt, Fakten und Daten werden präsentiert, aber zu wenig Hintergründe erklärt. Ich denke hier z.B. an den Justizpalastbrand mit seinem Polizeimassaker an den DemonstrantInnen ein paar Schritte neben dem Ausstellungsort, am Schmerlingplatz. Da wäre angesichts dieses Umstands mehr drin gewesen. Wüßte man es nicht, würde man meiner Meinung nach aus dieser Ausstellung nicht verstehen, warum die Erste Republik gescheitert ist.
Die Politik der Zweiten Republik wird in einem kleinen Kinoraum präsentiert, in dem Fernsehberichte laufen - da dieser mit SchülerInnen gefüllt war, hab' ich diesen Part ausgelassen.
Politische Konflikte oder soziale Verwerfungen werden eher ausgespart oder konsensual-vorsichtig thematisiert.

Nicht verstanden habe ich, warum dermaßen viele Dokumente als Faksimiles (noch dazu in Vitrinen) präsentiert werden. Zugegebenermaßen kann man sie besser als Originale lesen, aber das Parlament ist ja schließlich einer der bestgesicherten Orte - wegkommen würde da wohl nichts. Die Auswahl der Dokumente ist sehr gut, präsentierte Originalstücke wie 1927 angesengte Akten aus dem Justizpalast haben aber einfach eine ganz andere Qualität.

Nicht gut waren die Abschnitte über das Bundesheer, die Außenpolitik und die europäische Integration. Eine lieblose Präsentation mit wohl nur marginalem didaktischen Wert.

Sehr gut gefallen hat mir die Darstellung des österreichischen Umgangs mit der Vergangenheit anhand von Ausschnitten aus dem Herrn Karl. Tatsächlich genial ist die vorm Parlament aufgestellte Leuchttafel, die Portraits von Menschen zeigt mitsamt einem besonderen Ereignis in ihrem Geburtsjahr (wie hier "Karl Kobelrausch: Elektriker, geb. 1953 Ende der Lebensmittelbewirtschaftung"). Wirklich eine großartige Idee an diesem stark frequentierten Platz am Ring, vor einer Ampel und gegenüber einer Bim-Station!

Dennoch: In Summe ist die Ausstellung ist kein Pflichtprogramm.

Einen richtigen Ausstellungskatalog gibt es nicht. Aber ein sehr umfangreiches Buch. Dieser 600seitige Begleitband ist bei mir noch "in Arbeit", ist erst zur Hälfte gelesen.
Darüber daher später mehr in diesem Theater.

Freitag, 20. Februar 2009

"Während der Schlacht ist es schwer, Kriegsgeschichte zu schreiben, ..."


Peter Goller
"Während der Schlacht ist es schwer, Kriegsgeschichte zu schreiben, ..."
Geschichtsschreibung der österreichischen Arbeiterbewegung vor 1934
(Quellen & Studien: Sonderband 10)
Wien 2009 (Alfred Klahr Gesellschaft)
112 S.





Peter Goller bietet im seinem, in der kommunistischen Alfred Klahr Gesellschaft erschienenen, Buch eine bemerkenswerte Tour d'horizon durch (auto-)historiographische Beiträge der Arbeiterbewegung in Österreich von den Anfängen bis 1934. Manche Ansichten und Einschätzungen kommen aus der politischen Positionierung links von der Sozialdemokratie, aus der heraus alles, was auch früher einmal Außenseiterstellung, Linksopposition oder radikal war, positiv wegkommt. Macht aber wenig, denn die Fülle an kurz präsentierter Literatur beeindruckt. Da stehen ohne Zweifel umfangreiche bibliographische Arbeiten dahinter, die man in jeder Zeile, jeder Seite direkt spürt.

Etwas schmunzeln habe ich dann doch müssen, wenn Goller über Ludwig Brügels klassische Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie aus den 1920er Jahren, deren Titelblatt auch das Buchcover schmückt, - richtig - schreibt "Über den umfangreichen Archivarbeiten kam die historisch-politische Problemgestaltung bei Brügel zu kurz."
Dies kann man Gollers Buch zwar nicht vorwerfen, allerdings wäre eine tiefgehendere Einleitung und ein Nachwort (der vorangestellte Abriß über die Arbeiterbewegungsgeschichtsschreibung nach 1945 hätte ein solches bilden können) gut gewesen, um einen Schritt heraus aus der Deskription zur Analyse zu machen.
Ich weiß wovon ich rede, da ich selbst immer den Hang zur bibliographischen Reichhaltigkeit anstelle der Analyse hatte/habe - der Fluch des Bibliophilen.

Verwundert hat mich, daß der Wert vieler historischer Arbeiten Otto Bauers nur verhältnismäßig kursorisch erwähnt wird. Es werden hier verdienstvollerweise einige weniger im Rampenlicht stehende Autoren gewürdigt, dennoch ist zumindest der Stellenwert von Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie oder Die österreichische Revolution auch im historiographiegeschichtlichen Zusammenhang doch so groß, das auf sie näher einzugehen wäre.

Dennoch: Eine große Freude, ein so gehaltvolles kleines Buch zu lesen!

Mittwoch, 14. Januar 2009

...der Rest ist Österreich







Helmut Konrad / Wolfgang Maderthaner (Hg.)
... der Rest ist Österreich
Das Werden der Ersten Republik
2 Bde.

Wien 2008
(Carl Gerold's Sohn Verlagsbuchhandlung)
392 S. + 304 S.
4 historische Karten









Ein neues Standardwerk über die ersten Jahre der Ersten Republik. Dank viel Freizeit rund um den Jahreswechsel war es mir glücklicherweise möglich, den zweibändigen Sammelband in verhältnismäßig kurzer Zeit zu lesen. Ein Genuß. Es beeindruckt auf den ersten Augenschein vor allem der Umfang. Bei der Lektüre fesselt dann der Inhalt - neben dem Text (Geschichtswissenschaft at its best) die gut ausgewählten und geschmackvoll präsentierten Photographien, die Karten sind eine nette Beilage.
Der erste Band beschäftigt sich mit dem Ende des Krieges, den neuen Staatsgrenzen und der neuen Politik in der turbulenten Anfangszeit der Republik. Der zweite Band ist der ökonomischen sowie der kulturellen Redimensionierung gewidmet.

Die Herausgeber Konrad und Maderthaner wollen mit ihrem Sammelband die "konstitutive Ambivalenz eines jungen Staates" ins Blickfeld rücken, die Erste Republik nicht "fast nur als Negativfolie zur Geschichte der Zweiten Republik" sehen. Nicht aufgrund der, in ihrer Massivität erdrückenden, Furchtbarkeit der Nazizeit den Blick auf die Bedeutung der Rolle des Ersten Weltkriegs und seiner Folgejahre als "Richtungsweisung für die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts" verlieren. Die Erste Republik hatte, wie sie schreiben, "ihre großen Probleme, von den Grenzziehungen über die Wirtschaftslage bis hin zur Militarisierung der Gesellschaft. Sie hatte aber auch ihre Meriten: die Verfassung, den Sozialstaat sowie wissenschaftliche und künstlerische Leistungen von Weltgeltung."
Für mich ist das größte Faszinosum der vergleichsweise wenigen Jahre von 1918/19 bis 1933/34 das hochaktive politische Leben dieser Zeit. Es war von derart großen Umwälzungen der politischen Rahmenbedingungen und persönlichen Lebensumstände der Menschen geprägt, wie wir sie heute nur schwer erfassen können. Das Hineinfallenlassen in Artikel, Bücher, Broschüren, Zeitungen, Protokolle der Zeit vermittelt immer wieder ein Bild von gleichzeitiger Nähe und Ferne - Vertrautheit der Orte, Umstände oder Themen bei völlig anderer Art von Lösungsperspektiven und Herangehensweisen. Dazu kommt die außerordentliche Suggestivkraft, die viele zeitgenössische austromarxistische Texte bei mir erzeugen.
K. hat mich unlängst gefragt, ob ich ein Lieblingsbuch habe - und ohne viel nachzudenken hab' ich Die österreichische Revolution von Otto Bauer (1923) genannt. Das kommt nicht von ungefähr.

Im ersten Band widmen sich zunächst zwei Beiträge von Manfried Rauchensteiner und Lutz Musner der Erfahrung des Weltkriegs. Rauchensteiner erzählt militärgeschichtlich, angereichert um die Eindrücke "einfacher" Soldaten, aber dennoch im wesentlichen aus der Perspektive der Kriegsführung ("Der Matrosenaufstand ließ sich niederschlagen; die Rädelsführer wurden erschossen."). Musner nähert sich dem Geschehen eher kulturell und zeigt, wie der Krieg "ein schützendes Siegel der Moderne aufgebrochen und so Gewalt- und Zerstörungslogiken freigesetzt hat, wie sie bis dahin auf den europäischen Kriegsschauplätzen unbekannt gewesen waren." Notabene auf den europäischen, die Völker der "Kolonien" hatte diese Seite der modernen Menschenverachtung bereits kennengelernt. Jedenfalls war dies die Voraussetzung für die bereits angesprochene Militarisierung von Gesellschaft und Politik in der Ersten Republik.

Neben Wolfgang Maderthaners essayistischer Zeichnung der "österreichischen Revolution" habe ich mit großem Interesse Ernst Hanischs Artikel über Otto Bauers Zeit als Außenminister 1918/19 gelesen. Wohl derjenige Aspekt seines politischen Wirkens, mit dem ich mich bis jetzt am wenigsten auseinander gesetzt habe. Ich kenn sonst niemand aus dem katholischen Eck, die/der wie Hanisch pointiert, durchaus kantig und kritisch, aber immer kenntnis- und faktenreich über Bauer schreibt. Das hat mir schon an dessen vor Jahrzehnten erschienenem Beitrag über Otto Bauer als Historiker gefallen.

Unbekannt waren mir bisher die Details der Vorarlberger Anschlußbewegung an die Schweiz und deren antisemitische Komponente zur angestrebten Trennung vom "Wiener Judenstaat". Hochinteressant dabei auch der "Seitenwechsel" Liechtensteins. War es zuvor wirtschaftlich in Österreich-Ungarn integriert, das auch seine diplomatische Vertretung über hatte, übernahm diese wie die meisten wirtschaftlichen Belange (Post, Zoll, Währung) dann die Schweiz.

Einer der Schlüssel zum Verständnis der Wirtschaftspolitik der Zeit ist die Erfahrung der Inflation. Oft genug gelesen und gehört und auch für sehr plausibel gehalten. Aber dennoch stockt man doch, wenn man sich die konkreten Auswirkungen auf die, auf einen Menschen vorstellt, wenn Wirtschaftshistoriker Fritz Weber im zweiten Band referiert: "Die deutsche Reichsmark fiel auf ein Billionstel ihres Vorkriegswertes, der deutsche Rubel auf ein 15-Milliardstel, die polnische Mark auf ein 800-Tausendstel, die ungarische Krone auf ein Viertausendstel. Der Wert der österreichischen Krone betrug am Ende der Inflationsperiode nur noch ein 14.400stel des Goldwertes."
Oder wenn Herbert Matis schreibt, "Insgesamt erfuhr die Masse der Bevölkerung durch den Krieg einen durchschnittlichen Realeinkommensverlust von rund 50 Prozent." Sehr spannend in diesem Zusammenhang Peter Bergers Parallelisierung des "plötzlichen Auftauchens der russischen Oligarchen nach 1989 ... zum Aufstieg einer Schicht von Nouveaux riches am Beginn der Ersten Republik".

Um auf alle Beiträge der beiden Bände eingehen zu können, müßte ich fast einen eigenen Blog aufmachen. Das mache ich nicht. Daher nur noch einige Schlaglichter. Deborah Holmes schreibt über Reformpädagogik, Johann Brazda und Robert Schediwy über die Konsumgenossenschaften, sehr interessant. Dazu die zu erwartenden "Klassiker" wie Roman Horak über die Entwicklung des Fußballs zum Publikums- und Massensport (die in die ersten Jahre der Republik fällt) sowie die damit einhergehende "Massen-Gewalt", Alfred J. Noll über die Verfassung, Gerhard Botz über politische Gewalt, Gabriella Hauch über den Genderaspekt oder Rolf Steininger über Südtirol.

Karin Maria Schmidlechner verweist in ihrem Beitrag über Die neue Frau? auf die Argumentation von Maureen Healy, daß die Kriegsjahre mindestens genauso gut als Anfangsjahre der nachfolgenden Epoche zu behandeln sind wie als Endzeit der Monarchie, als die sie üblicherweise betrachtet werden. Alte Hierarchien gerieten allerorts in "Unordnung". Das ist der Ansatz, von dem aus betrachtet die Geschichte von Erstem Weltkrieg und Erster Republik ihren Reiz gewinnt.

Montag, 29. Dezember 2008

Die Republik Österreich 1918/2008



Hannes Leidinger / Verena Moritz
Die Republik Österreich 1918/2008
Überblick - Zwischenbilanz - Neubewertung
Wien 2008 (Paul Zsolnay)
287 S.







Das AutorInnenteam ist mir vor allem durch ihr Schwarzbuch der Habsburger aus dem Jahr 2003 (berechtigtes Anliegen, leider um eine Spur zu viel cum ira et studio) sowie ihre "andere Geschichte des Ersten Weltkriegs", das 2006 erschienene Buch Die Nacht des Kirpitschnikow (glänzend!), ein Begriff. Wenn man allein aus den Anmerkungen auf ihr weiteres Oeuvre schließt, scheinen sie - teils mit anderen zusammen - schneller geschichtswissenschaftliche Bücher zu schreiben und herauszugeben als man sie lesen kann.

Das Buch über die Geschichte der Republik besteht aus zwei Modi, aus der Betrachtung von "Längsschnitten" durch Leidinger und von "Augenblicken" durch Moritz. In essayistischer Form nähern sich beide Ansätze auf breite Literaturkenntnis gestützt der Geschichte. Sie bieten eine in der Zusammenschau interessante Darstellung und in dem v.a. von Leidinger monierten Liberalismusdefizit eine diskutierenswerte Positionierung. Alles qualitätsvoll und in flüssiger Sprache. Durch den laufenden Perspektivenwechsel nehme ich aber an, daß es für Leute ohne tiefere Vorkenntnisse der österreichischen Zeitgeschichte eher schwer sein dürfte, sich zu orientieren - auch wenn gerade das Sinn des Konzepts gewesen sein mag.

Im Titel trennen Leidinger und Moritz die beiden Jahreszahlen durch einen Schrägstrich, der, da sich "keine direkte Linie von 1918 bis 2008 ziehen lässt ... das komplizierte Verhältnis zwischen Bruch und Kontinuität markiert". Zum Februar 1934 und des immer wiederkehrenden Aufbrechens dieser keineswege vernarbten Wunde, heißt es, es "köchelt auf kleiner Flamme ein mittlerweile verdünntes Gemisch aus Interpretationen und (Rest)Ideologien, das einmal diesen und einmal jenen den Magen verstimmt.". Ein treffendes Bild.

In Summe ein interessanter Essay über die Geschichte der Republik. Minuspunkt des Buchs ist, daß die kontroverse Zeit der letzten zwei Jahrzehnte praktisch ausgeblendet bleibt.

P.S.: Und eine stilistische Anmerkung: Man kann die Republik ruhig "Republik" nennen, man muß nicht immer "Alpenrepublik" schreiben. Jetzt habe ich persönlich ein sehr unentspanntes Verhältnis zu Bergen, ich sehe aber den den durchaus gehaltvollen Kontrast der Worte Donaumonarchie und Alpenrepublik. Die Republik braucht aber kein Epitheton rurans, nennen wir sie einfach beim Namen.