Freitag, 5. Juni 2026

Gmünd

5.6.2026

In Gmünd im niederösterreichischen Waldviertel habe ich ein Fußballspiel besucht. 5.100 Menschen leben in der aus fünf Ortschaften bestehenden Bezirkshauptstadt des Bezirks Gmünd.

Die Eisenbahn war der Wendepunkt der Gmünder Geschichte. Der Bahnhof war Bahnknotenpunkt und hier befanden sich die Werkstätten und das Betriebszentrum der 1869 eröffneten Franz-Josefs-Bahn. Heute ist es der Bahnhof des tschechischen České Velenice. Mit der neuen Grenzziehung zwischen der 1918 gegründeten Tschechoslowakei und der neuen Republik Österreich nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie wurde der Gmünder Bahnhof von Gmünd und Niederösterreich abgetrennt und durch Zusammenschluss mit umliegenden Siedlungen als 1920 neu gegründete Gemeinde České Velenice Teil der Tschechoslowakei. Da der damalige Gmünder Bahnhof ein gutes Stück vom Stadtzentrum entfernt lang, wurde 1907 ein O-Bus als Verbindung eingerichtet, der aber aus finanziellen Gründen 1916 im Krieg wieder eingestellt wurde. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs liefen über den Bahnhof, an dem sich die Bahnverbindungen nach Wien, Linz, Prag und Plzeň kreuzten, Züge zur Versorgung der für den Erhalt des Nazis-Verbrechensregimes kämpfenden deutschen Truppen nach Süden, was ihn zum militärstrategischen Ziel machte. Ebenso fuhren hier aber die aus dem Süden herauf kommenden Züge voll mit Verwundeten und Flüchtlingen durch über Böhmen ins Innere Deutschlands. Dies Eisenbahnwerkstätten waren entscheidend zur Wartung und Aufrechterhaltung des Bahnbetriebs auf der Linie. Das schwere Bombardement des Bahnhofs tötete hunderte Menschen auch in der Umgebung. Der Bahnhof wurde 1946 ohne seiner vorherige zeitgenössische Stuck-Fassadenverzierung zweckmäßig wiederaufgebaut.


Der heutige Gmünder Bahnhof wurde 1908 ursprünglich als Haltestelle Gmünd-Stadt eingerichtet. Nach der Abtrennung Gmünds vom Bahnhof 1918 wurde daraus 1922 der heutige Bahnhof Gmünd gemacht.


Die Waldviertler Schmalspurbahnen sind ab dem Jahr 1900 betriebenes Netz von drei zusammenhängenden Eisenbahnstrecken mit einer Spurweite von 760 mm, die von Gmünd in Niederösterreich aus das nordwestliche Waldviertel auf Strecken nach Litschau, Heidenreichstein und Groß Gerungs erschließen. Heute ist hier nur mehr touristischer Betrieb.


Stadtplatz mit dem Alten Rathaus aus dem 15./16.Jh. in der Mitte. Im Geist der Zeit beschloss der Gmünder Gemeinderat 1957 das Gebäude abzureißen, um hier einen Parkplatz für Autos zu schaffen. Das Denkmalamt verhinderte das. 1965 wurde stattdessen hier das Stadtmuseum eingerichtet.


Sgraffito-Häuser am Stadtplatz aus dem 16.Jh.


Das Schloss Gmünd wurde als Stadtburg im Rahmen der zur Verteidigung in Kriegen errichteten Stadtmauern Gmünds unter dem Kuenringer Hadmar II. gebaut und im Jahr 1217 erstmals schriftlich erwähnt. Hier residierten Adelige als Herrschaftssitz über die Bevölkerung. Von 1262 bis 1418 waren das die Liechtenstein und danach verschiedene Familien. Ab 1859 war das Schloss Besitz der Familie Habsburg-Lothringen, die es 1985 verkaufte. Heute sind hier Privatwohnungen. Das heutige Aussehen stammt vom Umbau im 15./17.Jh., später wurde 1895 die außen umgebenden Sümpfe trockengelegt und zu einem Park gestaltet. Diese waren Teil des Verteidigungssystems gewesen.


Rest der Stadtmauer, Gmünd war eine um das Jahr 1200 planmäßig zur militärischen Verteidigung der Grenze gebaute Stadt. Im Jahr 1179 wurde der Ort in einem Vertrag über den Grenzverkauf zwischen Böhmen und Österreich erstmals schriftlich erwähnt.


Das ehemalige Lagertor. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs richtete die Habsburgermonarchie hier das Flüchtlingslager Gmünd ein. Auf dem Rückzug vor der russischen Armee verbrannte und zerstörte die k.u.k. Armee systematisch die Dörfer und Siedlungen und vertrieb die Bevölkerung – Untertanen der Monarchie in den Kronländern Galizien und Bukowina – daraus, wenn sie diese nicht wie tausende andere Staatsbürgerinnen und Staatsbürger dort in der Paranoia vor angeblich überall steckenden Spionen mit Bajonett und am Galgen ermordete. Zehntausende Menschen wurden nach Westen verfrachtet. Das militärische Operationsgebiet sollte frei von Bevölkerung sein.


In einem der Torhäuser präsentiert das „Haus der Gmünder Zeitgeschichte“ die Geschichte des Gmünder Flüchtlingslagers sowie die Geschichte Gmünds im 20.Jh. in hervorragender Weise.


Rund 30.000 Menschen (Höchstbelegung von 31.000 im Jahr 1917) brachte man ab Jänner 1915 in Holzbaracken zu je 200 bis 250 Schlafplätzen (Holzbretter oder Strohsäcke) in einem 550.000 m² großen Areal großen Areal außerhalb des Gmünder Stadtzentrums hier unter. Die Flüchtlinge kamen oft in der Nacht mit Zügen am damaligen Gmünder Bahnhof Gmünd (heute České Velenice) an, verbrachten die verbleibende Nacht im Bahnhofsgebäude und marschierte am nächsten Tag die zwei Kilometer zum Lager, wo sie dann zu Beginn der Amtsstunden behördlich registriert wurden. Mit Wechseln und den zahlreichen Verstorbenen durchliefen rund 200.000 Menschen in jenen Kriegsjahren das Lager in Gmünd. Im Mai 1915 kamen von der Armee vor dem neuen Kriegsschauplatz Italien Vertriebene hinzu.


Nach Ende des Krieges 1918 und dem Ende der militärischen Bewachung des Lagers brachen die Flüchtlinge auf den Heimweg auf. Aus dem großen leeren Lager entstand ein neuer Stadtteil Gmünds, Gmünd II oder Gmünd-Neustadt genannt, der mit neuen Wohnhäusern bebaut wurde. Der sogenannte Neubau ist ein nach Vorbild des Roten Wien in den Jahren 1926 und 1927 errichteter Wohnbau.


Im Lauf der Geschichte des Lager baute man in den letzten Jahren seines Bestehens auch schon feste Gebäude mit Blick auf eine Nachkriegsnutzung.


Es gab elektrischen Strom, Toiletten und Abwasserkanalisation. Heizen konnte man in den vielen kalten Monaten des Waldviertels aber die Holzbauten nur schlecht. Es herrschte die ganze Zeit über Lebnsmittelknappheit, Hunger und Unterernährung. Die Lebensbedingungen waren beengt. All das hatte den Ausbruch zahlreicher Krankheiten und Seuchen zur Folge. Tausende Menschen starben hier daran, allein 1915 bis 1917 gab es 4.400 Seuchentote und 484 Babys starben an Masern. Insgesamt starben in jenen wenigen Jahren unter Obhut der österreichischen Behörden rund 30.000 Menschen im Lager. Praktisch jeden Tag starben hier die Menschen zweistellig. Dier riesige Friedhof mit Massengräbern ist heute ein Park. Ein Denkmal aus dem Jahr 1964 erinnert an die zehntausenden ukrainischen Toten und eines aus dem jahr 2014 an die rund 5.000 hier zu Grunde gegangenen Menschen aus Istrien.