Posts mit dem Label Kreisky werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kreisky werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 18. Februar 2011

Kreisky − wer sonst? Folge 6: Der Superkreisky


Kreisky − wer sonst?
Folge 6: Der Superkreisky
Regie (6.): Kevin Rittberger
mit Marion Reiser, Christoph Rothenbuchner, Lisa Wildmann, Johannes Zeiler
Schaupielhaus Wien, 31.12.2010 bis 26.3.2011
Folge 6: 17.−19.2.2011


© Schauspielhaus

Das Wiener Schauspielhaus bringt heuer eine Theaterreihe in Form von Serienfolgen à 50 Minuten über Bruno Kreisky. In der kleinen Nebenspielstätte im ehemaligen Barbereich gibt es zehn Folgen zu sehen, die von verschiedenen Regisseurinnen und Regisseuren individuell zu einzelnen Themenkomplexen der Biographie Kreiskys gestaltet werden. Dem Vernehmen nach sehr unterschiedlich.

Die sechste Folge zeigt eine sehr freie Assoziation zur schwierigen Thematik des Lebens mit einer an Depression erkrankten Frau. In harten Szenen. Mit leibhaftig präsentem Tod. Die Figur des Kreisky, der passionierte und nicht kontaktscheue Außenpolitiker, verhandelt auch mit dem allegorischen Tod, über eine Rückkehr ins Leben − wofür er über Leichen anderer zu gehen bereit ist. Der gegen den Vater aufbegehrende Sohn taucht als eine Art fünfter Beatle auf, nicht überzeugend in die Handlung eingebaut.
Zur politischen Biographie Kreiskys gibt es Anklänge wie den Wunsch nach intensivem Bereisen der Welt, aufgesetzte Solidarität mit Palästina und deklamatorische Erwähnung des Worts Sozialismus. Letztere Anliegen waren vom realen Kreisky wohl ernster gemeint. Dazu etwas deplaciert eine Prise Nazi-Klamauk.
In der Vorschau war eine Bearbeitung der außenpolitischen Ambition Kreiskys angekündigt. Diese wird erwähnt, im Zentrum steht aber davon abweichend eine von einem Aspekt des privaten Lebens ausgehende literarische Dramatisierung. Man sollte sich keine Inszenierung der historischen Biographie Kreiskys erwarten. Dann ist es ein interessanter Theaterabend.

Die schauspielerischen Leistungen von Johannes Zeiler als Bruno Kreisky und Marion Reiser als Vera Kreisky beeindrucken und kommen durch die Nähe zum Publikum im engen Raum gut zur Geltung.

Dienstag, 8. Februar 2011

Über Kreisky




Helene Maimann
Über Kreisky
Gespräche aus Distanz und Nähe
Wien 2011 (Falter Verlag)
280 S.







Dieses Buch erschien in Ergänzung zu einem Film, den Helene Maimann aus Anlaß des 100. Geburtstags Bruno Kreiskys herausbrachte. Es läßt die Interviews mit den Geprächspartnerinnen und Gesprächspartnern des Films im Volltext nachlesen. Buch wie Film lassen aus den vielschichtigen Erzählungen ein interessantes Bild der Person entstehen.

Franz Vranitzky hat in seinem Vorwort recht, wenn er schreibt, daß sich das Buch gleichermaßen aufschlußreich wie erfrischend liest und man nicht nur einiges über Kreisky lernt, sondern auch so manches über die Interviewten. Helmut Schmidt äußert sich etwa mehr über politisch-philosophische oder weltpolitische Fragen und hat augenscheinlich über Bruno Kreisky wenig zu sagen.

Das Interesse Maimanns an den Vorgängen rund um den Terrorüberfall auf jüdische Flüchtlinge aus der Sowjetunion 1973 bildete schon im Film einen kleinen Schwerpunkt (der beeindruckende Auftritt Kreiskys bei der Pressekonferenz!) und findet auch in den Langfassungen der Gespräche seinen Niederschlag.

Ansprechend in der grafischen Aufmachung des Texts war die Gestaltung der Anmerkungen als Randglossen, wie im neuen Layout des Falter praktiziert. Die auf eine ganze Seite aufgeblasenen Zitate zu Beginn der Interviews sehen dagegen unschön aus.

Das spannende und kurzweilige Buch läßt sich regelrecht verschlingen. Mit Interesse habe ich die prägnanten Einschätzungen nachgelesen, die schon im Film auffielen, wie etwa Oliver Rathkolbs bemerkenswertes Bild von der Betonmischmaschine: Das Kreisky in einem Land mit einem so hohen Anteil an ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, SS-Angehörigen, Wehrmachtsangehörigen doch eine derartige politische Karriere erzielt hat, ist sicher ein Paradoxon und hängt primär damit zusammen, daß er sich diesem engen geschichtspolitischen Rahmen − die Gräben zuschütten, möglichst nicht darüber reden − dann letzten Endes angeschlossen hat und sogar versucht hat, noch einmal eine Betonmischmaschine darüberfahren zu lassen.

Freitag, 4. Februar 2011

Europäische Rundschau 2010/4




Europäische Rundschau
4/2010
128 S.







Erhard Busek, der als ÖVP-Generalsekretär am SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky scheiterte, rezensiert die Kreisky-Biographie von Wolfgang Petritsch als redlichen Versuch, der aber durch zu viel Nähe des Autors zu seinem Subjekt geprägt ist. Für die Anekdotensammlung des Presse-Geschichte(n)erzählers Hans Werner Scheidl ringt er sich trotz seiner Kritik an falschen Details, offenbar aus Courtoisie, mühsam ein paar positive Worte ab. Bei Andreas Pittlers Kreisky-Album empfiehlt Busek richtigerweise, die Bilder anzusehen und den Text zu vernachlässigen.

Der interessanteste Artikel in diesem kleinen Kreiskyliteratur-Schwerpunkt ist aber Wolfgang Petritschs Rezension der Simon-Wiesenthal-Biographie des interessanten israelischen Historikers Tom Segev. Er folgt dabei im wesentlichen seiner oben genannten Biographie. Ohne Kreiskys Furor zu entschuldigen argumentiert er, daß in diesem sehr persönlich ausgetragenen Konflikt nicht alles einfach schwarz und weiß war. Es führt ihn zur philosophischen Conclusio zwischen Aporie und Aphorismus Daß große Männer lange Schatten werden ist eine Banalität; das blutige 20. Jahrhundert jedoch liefert auch den Beweis für die verstörende Ambivalenz der condition humaine.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Das Bruno Kreisky Album



Andreas Pittler
Das Bruno Kreisky Album
Schleinbach 2010
(Edition Winkler-Hermaden)
112 S.






Eine Anzahl sehr netter und teils unbekannter Bilder von Bruno Kreisky bietet dieser Band, was angesichts der zahlreichen Publikationen und medialen Omnipräsenz über die Jahrzehnte durchaus bemerkenswert ist.

Ein Highlight ist dabei das Bild, in dem ein schon älterer Kreisky, wohl Anfang der 1980er Jahre, als Beifahrer neben einem Kind im Autodromwagen sitzt (hier zur Ansicht). Er schaut dabei etwas unrund aus. Ein dennoch wohl gut inszeniertes Motiv. Das sind Bilder, nach denen Pressephotographen gieren und die Presseverantwortliche erfreuen. Der Bildtext besagt, Kreisky suchte selbst im Wiener Prater das Gespräch und war auch für Freizeitvergüngungen jederzeit zu haben. Die Textierung im Stil einer Werbebroschüre beleuchtet das Hauptproblem des Buchs: So gut die Bilder sind, so schwach ist der Text. Von Andreas Pittler erschien bereits eine kurze Biographie Kreiskys, die zwar informativ, aber unkritisch ist. Dieses Problem hat sich hier, bei weniger Text, verschärft. Keine Analyse, sondern Aneinanderreihen von Fakten. Es ist zu empfehlen, nur die Bilder anzusehen und den nur für Einsteigerinnen und Einsteiger ohne Vorkenntnisse geeigneten Begleittext lieber nicht zu lesen.

Eine glatte Fehlinformation bietet das Buch auf Seite 14, wo es heißt, daß Bruno Kreisky am 1. Februar 1967 mit überwältigender Mehrheit zum fünften Vorsitzenden in der Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie gewählt wurde. Bei aller Liebe zur Hagiographie: Kreisky erhielt damals mit 69,8 Prozent das niedrigste Ergebnis, das jemals in der Geschichte ein SPÖ-Parteivorsitzender bei seiner Wahl erhielt (fast 20 Prozentpunkte unter dem zweitschlechtesten Ergebnis, Fred Sinowatz 1987 mit 88%). Die Zahl war aufgrund der Vorgeschichte mit Kreisky als Gegenkandidat zum Favoriten von Wiener Landespartei, Gewerkschaft und bisherigem Parteivorsitzenden, verständlich. Die Wahl Kreiskys war sensationell, aber überwältigend war sie nicht. Am nächsten Parteitag, 1968, erhielt Kreisky dann schon 97 Prozent.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Bruno Kreisky




Wolfgang Petritsch
Bruno Kreisky
Die Biografie
St.Pölten/Salzburg 2010 (Residenz)
420 S.







Das Buch, das man zum 100. Geburtstag Bruno Kreiskys lesen muß. Bisher lag von Wolfgang Petritsch, seinem Mitarbeiter von 1977 bis 1983, ein kürzerer biographischer Essay vor (2000 erschienen), der von ihm nun zu einer wuchtigeren Biographie ausgeweitet und vertieft wurde.
Auch wenn man meint, viel vom Leben Kreiskys zu wissen, man ja schon einiges gelesen hat, bietet das Buch einen interessanten Einblick und bringt manch Neues.

Am spannendsten ist ja immer wieder die erste Hälfte von Kreiskys Leben. Oftmals führte er ja später selbst seine Politik auf seine prägenden Erfahrungen als vom Austromarxismus begeisterter Jugendlicher, politischer Häftling des Austrofaschismus, Flüchting vor dem Naziregime und Exilant in Schweden an. Petritsch liefert hier eine detailreiche und farbige Schilderung, die mit Gewinn und Genuß zu lesen ist.

Tiefe Spuren in der Geschichte der Zweiten Republik hat Bruno Kreisky als Bundeskanzler von 1970 bis 1983 hinterlassen. Vor allem in den ersten Jahren galt Bruno Kreisky, der ,Mediator der Veränderung, schlechthin als Inbegriff des Fortschritts, wie Petritsch schreibt. Kreisky verstand es, eine gleichermaßen von den rasanten technologischen Entwicklungen in der Welt angetriebene Aufbruchstimmung geschickt zu nutzen. Von ihm erwarteten nun viele einen österreichischen Weg in die Moderne, den Anschluß an die machtvollen Trends der damaligen Gegenwart. Der Modernisierungsschub der siebziger Jahre ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Kreisky trug als Kanzler maßgebliche Verantwortung dafür. Vor allem der Reformfurioso der ersten Legislaturperiode mit absoluter Mehrheit 1971−1975 beeindruckt in jeder Hinsicht. Das Österreich vor den damaligen Gesellschafts-, Sozial- und Bildungsreformen ist heute fern wie das 19. Jahrhundert. Über diese Leistungen erfährt man in Petritschs Buch allerdings sehr wenig. Die Person steht hier stärker im Vordergrund als seine (Innen-)Politik. Hier hätte man gerne mehr gelesen. Auch Kreisky in seiner Eigenschaft als Parteivorsitzender kommt mir etwas zu kurz, sowohl in der Oppositions- als auch in der Regierungszeit.

Der aktiven Außenpolitik Kreiskys räumt der Diplomat Petritsch dagegen mehr Platz ein. Kenntnisreich beleuchtet er dessen Versuche, in der Nahostpolitik Akzente zu setzen. Er scheut auch nicht vor harten Urteilen und dem Aufzeigen von Fehlentwicklungen zurück. So sind Petritschs differenzierte Analysen der Konflikte Kreiskys mit Simon Wiesenthal und mit Hannes Androsch eine Stärke des Buchs. Er flüchtet sich nicht in populärpsychologische Ausführungen, sondern analysiert die heftigen persönlichen Auseinandersetzungen anhand zugrundeliegender politischer Konflikte. Ohne Kreiskys nicht zu entschuldigenden Attacken auf Wiesenthal jenseits von gut und böse zu relativieren, beschreibt er als Kreiskys Motiv, Wiesenthal als ÖVP-Parteigänger anzugreifen, was ein größeres Erklärungsmoment besitzt als alleiniges Kaprizieren auf jüdischen Selbsthaß und dergleichen.

Petrisch schöpft in seiner Biographie aus einem großen Fundus an Erinnerungen, Gesprächen und schriftlichen Quellen. Leider kennzeichnet er aber überwiegend nicht, woher sein Zitat kommt oder worauf seine Darstellung fußt. Manchmal läßt es sich aus dem Zusammenhang vermuten. Bei dem hochspannenden Archivstück der Einschätzung des US-Botschafters über die Person Kreiskys aus dem Jahr 1959 versieht Petritsch dies mit einer wissenschaftlich allen Anforderungen entsprechenden Quellenangabe. Bei manchen Bezügen auf andere Personen beruft er sich auf Gespräche oder einen Briefwechsel mit diesen. Doch in Summe bleibt hier leider eine Lücke, die ein dickes Malus des Buchs für eine weitere Verwendung ist.
Dennoch wird man fortan um dieses Buch bei der Beschäftigung mit Kreisky nicht herumkommen. Es ist ein großer Wurf.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Das Kreisky-Prinzip




Margaretha Kopeinig /
Wolfgang Petritsch
Das Kreisky-Prinzip
Im Mittelpunkt der Mensch
Wien 2009 [recte 2008] (Czernin Verlag)
239 S.







Über Bruno Kreisky erschienen und erscheinen viele Bücher − gerade anläßlich seines 100. Geburtstags, den er dieser Tage, am 22. Jänner, gefeiert hätte. Sie beschäftigen sich mit Biographie und der Historisierung der Politik Zeit seines Lebens und ich bin wohl der letzte, der historische Literatur nicht gerne liest. Doch gerade anläßlich der nun hereinbrechenden Feierlichkeiten ist das bereits 2009 veröffentlichte Buch der Journalistin Margaretha Kopeinig und des Diplomaten und ehemaligen Kreisky-Mitarbeiters Wolfgang Petritsch eine lohnende Lektüre, da es einen etwas anderen Zugang wählt.

Thema des Buchs ist Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik. Die Kreisky-Ära 1967/70−1983 unter den Maximen der Vollbeschäftigung und der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wird durch Interviews mit Mitstreitern dargelegt. Aufschlußreich dabei vor allem die Gespräche mit Ernst Eugen Veselsky, Hannes Androsch und Hans Seidel. Der Bogen reicht und den Anfängen der Politikkonzeption der SPÖ-Wirtschaftspolitik in der Opposition Ende der sechziger Jahre bis zu ihrer Krise in den 1980er Jahren. Die subjektiven Sichtweisen und auch Gegensätze der Gesprächspartner im einzelnen (v.a. Veselsky vs. Androsch und vice versa) stehen nebeneinander. Bewertung und Urteilsfindung überlassen Autorin und Autor der Leserin und dem Leser. Ein Manko.
Die Wirtschaftspolitik der siebziger Jahre bleibt bis heute Gegenstand innenpolitischen Streits. Hier beziehen Kopeinig/Petritsch dann doch klar Position: Es ist einfach falsch zu sagen − und Wirtschaftswissenschaftler, ehemalige Spitzenpolitiker und Interviewpartner in diesem Buch bestätigen das −, daß wir heute noch die Schulden Kreiskys zurückzahlen. Die Ära Kreiskys ging 1983 zu Ende, die Staatsschulden von damals sind längst getilgt, aber die Infrastruktur, die damit finanziert wurde, ist noch vorhanden und nützt den auf Kreisky folgenden Generationen von Österreicherinnen und Österreichern.

Der spannende Moment des Buchs ist ein anderer. Kopeinig und Petritsch legen ihr Augenmerk auf das Spätwerk Bruno Kreiskys als elder statesman, seine Tätigkeit als Vorsitzender der Europäischen Kommission für Beschäftigungsfragen (Kreisky-Kommission) 1986−1989 (initiiert vom Europäischen Gewerkschaftsbund), die Vorschläge zur Umsetzung einer europäischen Beschäftigungspolitik erarbeitete. Der über nationalstaatliche Grenzen hinaus gedachte europäische Politikansatz, mit Investionen im Umweltbereich, in Bildung, Forschung und Innovation ist für seine Zeit bemerkenswert.
Die Beurteilung der Person Kreiskys greift zu kurz ohne gebührende Beachtung dieser letzten Phase seines politischen Wirkens. Sie wurde in der österreichischen Rezeption Kreiskys bisher vernachlässigt. Hier liegen wesentliche Anknüpfungspunkte für eine heutige Politik. Darauf hinzuweisen ist Kopeinigs und Petritschs Verdienst, denn, wie sie schreiben: Während die EU-Staaten und die Europäische Union als Ganzes punktuell und mit ständig großem rhetorischen Aufwand versuchen, Lösungen im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut zu finden, fehlt der umfassende Ansatz und/oder der politische Wille dazu.

Leider liest sich das Buch streckenweise redundant. Der ehemalige Kommissionspräsident Jacques Delors wird mehr als oft lobend erwähnt. Daß der Bericht der Kreisky-Kommission Eingang ins Weißbuch der EG-Kommission von 1993 gefunden hat, weiß man spätestens ab der dritten Erwähnung ganz sicher. Der Abschnitt zur Entwicklung der aktuellen EU-Beschäftigungspolitik ist etwas zu institutionenorientiert und daher, wenngleich informativ, langatmig. Der Versuch der Aktualisierung von Kreiskys Spätwerk ist es aber wert, manch formale Trockenheit zu ignorieren und das Buch zur Hand zu nehmen.

Freitag, 8. Mai 2009

"Auch schon eine Vergangenheit"




Ulrike Felber (Hg.)
"Auch schon eine Vergangenheit"
Gefängnistagebuch und Korrespondenzen von Bruno Kreisky
Wien 2009 (Mandelbaum Verlag)
162 S.







Das Buch versammelt viel biographisches Material zur Jugend von Bruno Kreisky. Ulrike Felber präsentiert interessante Dokumente wie Briefe Kreiskys an eine deutsche Sozialdemokratin vor 1934, in denen er die politische Entwicklung in den letzten Jahren der Republik kommentiert, sein in austrofaschistischer Haft geschriebenes Gefängnistagebuch, Kassiber an Mithäftlinge und Briefe aus der Haft an einen Freund und an seine Eltern. Eingebettet in umfangreiche Hintergrundinformationen zum historischen und biographischen Kontext.

Es krampft einen zusammen, wenn man Kreiskys Tagebuchnotiz liest, wie der damals 24-Jährige aufgrund seines "Verbrechens" sozialdemokratischer politischer Aktivität 1935 verhaftet wurde:
"Trotzdem war ich heiter u[nd] recht guter Dinge. Wie ich jedoch hinter mir die erste Gittertür ins Schloß fallen hörte, gab es mir einen leichten Riß. Man begibt sich in eine Höhle, um den Ausgang besser zu finden, rollt man einen Faden ab, der reißt plötzl[ich] irgendwo. Man wird schon hinausfinden, denkt man beruhigend nach dem ersten Schrecken, dann merkt man, daß die Höhle viele Gänge hat. Man findet doch nicht sobald hinaus wie man dachte."

Nichts kann das Erleben, ins Gefängnis geworfen zu werden, nachvollziehbarer machen als wenn Bruno Kreisky, den die Politjustiz mit seinen Mitverhafteteten monatelang ohne Anklage "dunsten" ließ, verzweifelt schreibt: "Warum habe ich schon 14 Tage keinen Brief v[on] R. bekommen? Das beunruhigt mich. Ist irgendetwas geschehen? Wissen die draußen denn nicht, wie man auf ein paar Zeilen wartet?"

Wie viele andere SozialdemokratInnen in der Geschichte vor ihm, wie auch schon Victor Adler im Gefängnis der Monarchie oder August Bebel in Deutschland, nützte Kreisky die Zeit als "Haftuniversität", in der er - so systematisch wie es ihm möglich war - greifbare historische und politische Literatur studierte, von 6 Uhr morgens von 6 Uhr abends, wie er berichtet. Wenn der spätere Politiker aus schier unerschöpflichem Fundus an theoretischem und historischem Wissen schöpfte, lag hier die Grundlage.

Ein sehr verdienstvolles Buch, das einem mit seinen Dokumenten sehr stark den Mensch Kreisky in seinen prägenden Erfahrungen als junger Mann näher bringt.

Freitag, 3. April 2009

Die Ära Kreisky und ihre Folgen



Wolfgang Maderthaner / Siegfried Mattl / Lutz Musner / Otto Penz
Die Ära Kreisky und ihre Folgen
Fordismus und Postfordismus in Österreich
M.e.Vorw.v. Hannes Androsch
Wien 2007 (Löcker)
211 S.






Das Buch ist keine eigentliche historische Darstellung der sozialdemokratischen Regierungszeit unter Bundeskanzler Kreisky 1970-1983, sondern ein theoretische Verortung derselben.
"Man wird die Kreiskysche Moderne und die in ihr angelegten politischen und kulturellen Potenziale einer kritischen Analyse allerdings nur dann unterziehen können, wenn man ihre Logik in den Kontext tendenziell global wirksamer Regimes ökonomischer Regulation stellt, also die österreichische Kultur der 1970er Jahre im Zusammenhang mit einer lokalen Ausprägung eines international bestimmten Fordismus/Keynesianismus zu verstehen und darin den Begriff des Politischen zu verorten versucht." schreiben Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner.

Das Spezifische am österreichischen Fordismus (industrielle Massenproduktion von Konsumgütern, Massenkonsum dieser durch die Mittelklasse und aufsteigende Facharbeiterhaushalte, Vollbeschäftigungspolitik und Sozialstaat, Sozialpartnerschaft etc.) seien weniger diese Merkmale, sondern, daß er erst nach der Wirtschaftskrise 1973/74 seine Blüte erreichte. Maderthaner und Musner interpretieren die 70er Jahre als "nachholende wirtschaftliche Modernisierung", korrelierend mit einem "gesellschaftlichen Reformschub", von dem sie "ihre politisch-kulturelle Legitimation" erhält. "Die damit bewirkte kontingente Engführung von Wirtschaft, Politik und Kultur verdichtet sich zu einer Konstellation, die - international beachtet - als 'österreichischer Weg' für ein Jahrzehnt hegemonialen Status erreicht." Repräsentiert durch Bruno Kreisky als Person, der nicht nur "die Neumodellierung des Politikers als Medienikone, sondern auch eine außergewöhnliche und eigentümliche Mischung von Geschichte, Gedächtnis und Gegenwartspolitik" darstellte.
Postfordismus heißt in Österreich dann Absatzkrise für klassische Industriegüter und Hinwendung zu Hochtechnologie und Dienstleistungen, Rationalisierung und Flexibilisierung, Rücknahme sozialstaatlicher Regelungen, Schwächung von Gewerkschaft und Sozialpartnerschaft, Sockelarbeitslosigkeit statt Vollbeschäftigung, Transnationalisierung der Wirtschaft durch Verkauf von Unternehmen ans Ausland und Vorbereitung des EU-Beitritts etc. Spezifisch an der österreichischen Situation sei hier wiederum die die "diskursive, d.h. politische Konstellation": Denn während dies international unter "konservative Revolution" und Neoliberalismus lief, geschieht dies in Österreich durch eine Rückkehr zur Großen Koalition.
Weiters kontextualisieren Maderthaner und Musner hierin die Kritik von Josef Haslinger oder Robert Menasse an der österreichischen Politik und Gesellschaft Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre.

Sehr wichtig ist auch ihr Hinweis, daß die Sozialpartnerschaft "als spezifisch österreichische Kultur eines fordistischen Produktionsregimes" der 60er und 70er Jahre "- topographisch gesehen - überwiegend eine Sache weniger Industrieregionen und wirtschaftlich potenter (Klein)Städte" war und "keine Sache der agrarisch und alpin bestimmten Regionen Österreichs", wo "nach wie vor eine weitgehend ständisch bzw. hierarchisch organisierte Gesellschaft" vorherrschte.
"In der Provinz gab es nämlich - im Gegensatz zu den Städten und Industrieregionen - keine tradierte Kultur des Industrialismus, an die der Fordismus als kulturelle Formation hätte anschließen können. Somit blieben seine Veränderungspotentiale auf den ökonomischen Sektor (Landwirtschaft, Industrialisierung der Lebensmittelproduktion, agrarische Infrastruktur) und teilweise den sozialen Sektor (Familienstrukturen) beschränkt. Die tradierte Kultur der Provinz, ihr spezifisches Amalgam von Religion, kleinteiligen Lebenswelten, Autoritätsgläubigkeit und weltanschaulichem Konservatismus befand sich zwar im Wandel und in der Wertekonkurrenz, wurde aber nicht durch eine Kultur ersetzt, die mit den neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen korrespondierte."

Gegenüber der Wucht des Texts von Maderthaner und Musner stehen die weiteren Beiträge des Bandes etwas zurück. Sie haben aber auch eher die Aufgabe, die eingangs aufgestellten Thesen zu untermauern. So schreibt Otto Penz hierzu zur ökonomischen bzw. wirtschaftspolitischen Dimension der Kreisky-Zeit und Siegfried Mattl über Kunst, Kultur und Kulturpolitik.
Persönlich interessant, aber kontextlos schließen das Buch zwei Interviews mit Johanna Dohnal und Erwin Lanc ab. Leider wurde bei letzteren nicht vermerkt, wer diese Gespräche führte (und wann und wo).

Ein spannendes Buch.