Die hundert Tage von Palermo
(Cento giorni a Palermo / Cent jours à Palerme)
Italien/Frankreich 1984
Regie: Giuseppe Ferrara
u.a. mit: Lino Ventura, Giuliana de Sio, Stefano Satta Flores
Eine Film über den Kampf des Carabinierigenerals Dalla Chiesa gegen die Mafia in Palermo 1982. In dokumentarischem Stil wird viel Authentizität vermittelt. Herrlich gekonnt das zurückgenommene Spiel von Lino Ventura als verhärmter, aber prinzipienfester Beamtentyp Dalla Chiesa.
100 Tage eines Antimafiakämpfers, geprägt von Bürokratie und Politik, hartem Durchgreifen mit dem Versuch, den gordischen Knoten gleichsam mit dem Schwert zu durchschlagen, Anrennen gegen Strukturen, Versuch über die Bande (direkte Ansprache von Zielgruppen, Medien) zu spielen, schließlich tot am Straßenrand.
Das Frappierende ist, daß der Film mit nur geringfügigen Modifikationen auch ein Vierteljahrhundert später spielen könnte. Die unveränderte Brisanz des Themas wurde ja zuletzt am Erfolg von Roberto Saviano deutlich. Palermo oder Neapel als Chiffren.
Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra
(Gomorra)
Italien 2008
Regie: Matteo Garrone
u.a. mit: Salvatore Abruzzese, Salvatore Ruocco, Gianfelice Imparato, Maria Nazionale
Der Film zum gleichnamigen Reportagebuch über die neapolitanische Camorra von Roberto Saviano, der unlängst nicht nur zum Film einige mediale Aufmerksamkeit erhalten hat, sondern auch deswegen, daß er wegen Drohungen gegen Leib und Leben Polizeischutz benötigt und aus Italien auswandern will.
Der deutsche Subtitel des Films Reise in das Reich der Camorra trifft den Inhalt. Geschildert wird der Alltag einfacher Menschen in dieser Welt. Jugendliche Nachwuchsmafiosi, die Tony Montana, die Hauptfigur des US-Films Scarface, als Vorbild haben und sich schlußendlich an der realen Welt übernehmen. Das Leben und Sterben in einem heruntergekommenen, klaustrophobischen, dabei aber unglaublich authentischen Wohnsilo. Ziemlich bedrückend.
Gefehlt hat mir die politische Dimension, diese findet sich wahrscheinlich im von mir nicht gelesenen Buch (das ewige Dilemma: man kann nicht alles lesen). Eine solche Welt ist natürlich ohne diese Dimension nicht konstruierbar. Die Einbindung der mafiösen Welt in die "cleanen" Wirtschaftsbeziehungen wird dafür sehr anschaulich illustriert, anhand der Beispiele von sweatshopartigen Schneidereien für die Modewelt und der illegalen (Gift-)Müllentsorgung im Raum Neapel (in den letzten Monaten auch medial sehr präsent).
Als Aufklärungsfilm funktioniert Gomorra daher nur bedingt (diese Absicht wird nicht zuletzt im Abspann überdeutlich) - als Spielfilm funktioniert er mit seinen Handlungssträngen hingegen sehr gut. Gut erzählt, gut gespielt (der schwer verunsicherte, schweigsame Don Ciro!). Und mit der (filmisch) schönen Schlußszene, die über ihre Aussage zum Denken anregt.
Scarface
USA 1983
Regie: Brian De Palma
u.a. mit: Al Pacino, Steven Bauer, Michelle Pfeiffer, Mary Elizabeth Mastrantonio
Nach langen Jahren wiedergesehen, noch dazu auf Englisch (DVD sei Dank). Der Film spielt in einem sehr farbenfrohen kubanisch/kolumbianischen Drogenmafiamilieu in Florida, womit sich Regisseur Brian De Palma laut Experten das Verdienst der Erneuerung des Gangsterfilms erworben hat. In der Tat ist Martin Scorseses Good Fellas als ein Highlight des von mir so geschätzten Italo-Mafia-Films visuell ohne Scarface wohl nicht vorstellbar. Das ganze Farbenspektrum der 70er/80er ist vertreten.
Auch die von Al Pacino (man ist geneigt zu sagen: natürlich) grandios verkörperte Hybris, die dem Aufstieg unweigerlich folgt und dem rasanten Fall vorangeht, setzte ganz offensichtlich Standards. Und die Nachtklub-Szenen aus der erneuten diesbezüglichen Zusammenarbeit von Pacino und De Palma in Carlito’s Way haben hier ihr Vorbild.
Der Aspekt des italienischen Familiennetzwerks ist es, der Mafiafilme in ebendiesem Milieu für mich noch interessanter, weil verspielter, verzweigter, macht als den klassischen Gangsterfilm - auch wenn in Scarface die Mutter und natürlich v.a. die Schwester, Mastrantonio, für die Erzählung sehr wichtig sind - das schlechte Gewissen gegenüber der Mutter und der zur Katastrophe übersteigerte Schwester-Beschützer-Machismo Tony Montanas (Pacino). Krachbumm und Gewalt gibt's auch genug, aber die Erzählung ist dann doch das Entscheidende - und da wird man mit Korruption, Drogenmafia sowie Aufstieg und Fall des Gangsters höchst zufriedenstellend bedient.
Die Sopranos - Staffel sechs, Teil 2 USA 2007 4 DVDs nach der Idee von David Chase u.a. mit James Gandolfini, Edie Falco, Michael Imperioli, Frank Vincent, Steve Schirripa
Das Ende ist schon sehr abrupt. Leider hat der ansonsten von mir geschätze "Standard" sich im Frühjahr erdreistet, nach der Ausstrahlung der letzten Folge in den USA deren Ende zu vermelden. Daher hab' ich irgendwie die ganze letzte Folge auf diese Szene gewartet, trotzdem endet sie mit einem schönen Paukenschlag und seltsam ungewissen Gefühl, das einem nicht einmal das Standard-Medienressort zusammenhauen hat können - was wieder einmal für die Qualität der Sorpanos spricht. Mit dem zweiten Teil der sechsten Staffel ist das ganze jetzt also vorbei. Nie mehr weltvergessen und fasziniert eine Folge nach der anderen der aktuellen DVD-Box in sich hineinziehen. Jetzt kenn ich sie alle. Es wird, es kann nichts besseres mehr nachkommen. Damals vor gefühlt 100 Jahren, als die Serie zum ersten Mal irgendwann mitten in der Nacht im ORF gesendet worden ist, hab' ich sie schon bewundert und es unglaublich gefunden, daß dann die nächste Staffel nicht mehr gesendet worden ist. War jetzt natürlich für den Rest der österreichischen Fernseh-Menschheit ein unersetzlicher Verlust, auch wenn sie sich dessen nicht bewußt ist, für mich aber der Glücksfall, daß ich mir seitdem alle DVD-Boxen zugelegt hab' und so aufgrund Originalsprachigkeit die ersten Staffeln gleich noch einmal und noch viel mehr genießen hab' können und zum visuellen Erlebnis noch ein haptisches dazugekommen ist.
Jetzt mag ich ja schon Scorseses und Coppolas italoamerikanische Mafia-Geschichten sehr, in der Serie wird ihnen auch in ein paar Szenen Referenz erwiesen, David Chases Sopranos nützt aber das TV-Serienformat in seinem Vorteil, mehr Zeit zur Entwicklung der Charaktere, um aus diesem Thema eine großartige Geschichte, verwobenes Kriminal mit Familiendramatik, zu machen. Man kann so viel darüber schreiben und ich könnt wohl stundenlang meine Bewunderung äußern, etwa wie hochqualitativ die ganze Aufmachung und Ausstattung ist, wie großartig die Gesichter der Darsteller (wie bei Sergio Leone!), wie wunderbar die Plots, wenn etwa hier am Schluß ganz en passant ein Schwanengesang auf New Yorks Little Italy und damit das ganze Genre vorkommt... Mir tun alle leid, die Sopranos nicht kennen - und noch vielmehr die, die es gesehen und nicht erkannt haben.