Sonntag, 7. Juni 2020

Mikulov

7.6.2020

Im tschechischen Mikulov (deutsch früher Nikolsburg) wurde ein Fußballspiel besucht. 7.400 Menschen leben hier.

Die südmährische Ortschaft an der seit dem Mittelalter hier verlaufenden Grenze zwischen Mähren und Niederösterreich wurde als militärisch befestigter Ort zu Füßen zweier Hügel (zwischen dem „Schlossberg" und dem „Heiligen Berg" / Svatý Kopeček) am Kreuzungspunkt zweier alter Handelsstraßen angelegt, der von Westen nach Osten verlaufenden „Böhmischen Straße“ und der von Norden nach Süden verlaufenden „Bernsteinstraße“. Weithin sichtbar ist das Schloss am Schlossberg.


Kreuzweg mit Kapellen auf den sogenannten Heiligen Berg (Svatý Kopeček) hinauf. Mit dem Bau des Kreuzweges wurde 1622 auf Veranlassung des Kardinals Franz von Dietrichstein nach einem Pestjahr begonnen und 1636 Kapelle und Glockenturm erbaut.


Denkmal für die Befreiung von der Nazi-Verbrechensherrschaft durch die sowjetische Armee 1945, mit Gedenktafel für von den Nazis ermordete Antifaschistinnen und Antifaschisten aus Nikolsburg/Mikulov – großteils deutsche Namen, da die Bevölkerung hier bis zu deren Vertreibung nach 1945 überwiegend deutschsprachig war.


Straßenszenen. In der Zeit der Habsburgermonarchie war die Stadt fast ausschließlich deutschsprachig (während es im Umland auch tschechische Dörfer gab). Nach deren Zerfall und der Gründung der Tschechoslowakei 1918 nahm die tschechische Bevölkerung auf rund 15% zu und nach Jahrhunderten, in denen das Tschechische als minderwertig galt und behandelt wurde, wurden die Vorzeichen nun umgekehrt. In den 1930er Jahren gewannen wie überall in den deutschsprachigen Gebieten der Tschechoslowakei die Nazis großen Zulauf. Nach Monaten und Wochen der Spannung durch militärischn Bedrohung durch die deutsche Wehrmacht, weswegen die tschechoslowakische Armee im Grenzgebiet aufgestellt war und Razzien in der Stadt durchführte, besetzte die deutsche Wehrmacht am 8. Oktober 1938 die Stadt und es begann sofort die Verfolgung von Jüdinnen und Juden, Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, bürgerlichen Demokratinnen und Demokraten etc. Sie versuchten vielfach in das noch nicht besetzte Innere der Tschechoslowakei zu flüchten, aber wurden oft als Deutsche abgewiesen.


Die Stadt hatte jahrhundertelang als Schulstadt große Bedeutung für Südmähren und das nördliche Niederösterreich. Ab 1631 gab es hier das älteste Piaristen-Gymnasium und bis 1950 gab es auch ein Piaristenkloster. Der Olmützer Bischof siedelte den Piaristenorden hier an und gab ihnen Güter vertriebener Protestanten. Sie sollten der Rekatholisierung im von den Protestanten im Dreißigjährigen vom Staat für die katholische Kirche eroberten Gebiet dienen. Das Kloster selbst wurde wie andere 1950 vom kommunistischen Regime im Rahmen einer landesweiten Klosterschließung und Verhaftung von Mönchen geschlossen.


Oberer und unterer Marktplatz. Hier lebten jahrhundertelang reiche Kaufleute und es gab viele Märkte mit weitem Einzugsbereich in der Region, in Niederösterreich bis nach Mistelbach. 1945/46 wurde die deutschsprachige Bevölkerung nach den Jahren der Verbrechen der Naziherrschaft zunächst „wild“ attackiert, beraubt und vertrieben, schließlich wurde dies im Zuge der Beneš-Dekrete dann vom tschechoslowakischen Staat durchgeführt und gutheißen. Zehntausende wurde in Märschen aus Südmähren durch die Stadt nach Österreich getrieben, dabei wurden auch viele in Racheaktionen getötet. 900 Jahre deutschsprachiger Geschichte von Nikolsburg wurde als Folge des Terrors der Nazis damit beendet. Mikulov lag nach der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei 1948 vier Jahrzehnte direkt am Eisernen Vorgang, an dem auf der ganzen Länge von tschechoslowakischen Grenzsoldaten hunderte Menschen bei Fluchtversuchen in die Freiheit getötet wurden. Die Stadt verlor ihre überregionale Bedeutung.


Im 16.Jh. ließen sich Nürnberger Kaufleute hier im Sgraffitohaus nieder.


Gruftkirche der lange über die hier lebenden Menschen herrschenden Fürsten von Dietrichstein zu Nikolsburg auf dem Stadtplatz


Straßenszenen


Das Schloss wurde im 12./13.Jh. als Burg errichtet. 1611 bis 1618 wurde die Anlage im Renaissancestil erweitert, brannte aber 1719 ab und wurde ab 1721 als zweigeschossiger Barockbau neu errichtet. Sieben Jahrhunderte lang herrschten die Adeligen der Liechtenstein und dann Dietrichstein über die hier lebenden Menschen. Sie lebten sehr gut von der harten Arbeit der anderen – in Pracht und Luxus im Schloss wie man anschaulich sieht.


Pulverturm am Gaisberg


Obere Synagoge, Grundstein aus 1450, Neubau Renaissance, wieder renoviert ab 1990. Nach den von Herzog Albrecht V. angeordneten Massakern an den Wiener Jüdinnen und Juden und deren Vertreibung aus Wien 1420, flüchteten einige hierher, da der hiesige Herrscher Hartneid V. von Liechtenstein ihnen Zuflucht im Ort erlaubte. Es entstand eine jüdische Gemeinde, die ihre erste Synagoge wohl um 1450 erbaute. 1560 waren es 32 jüdische Familien, die hier lebten. Die Jüdinnen und Juden sprachen deutsch und verstanden sich als Deutsche, was gegen den Antisemitismus aber nicht half. Nach der Angliederung an Nazideutschland 1938 flüchtete der größte Teil, ca. 105 Familien, in das noch nicht besetzte tschechische Landesinnere. Zurück blieben vor allem alte Leute im Altersheim. Sie wurden von den Nazis später zunächst nach Znaim/Znojmo oder in das KZ Theresienstadt deportiert und ermordet. Viele, denen die weitere Flucht aus der Tschechoslowakei nicht mehr gelungen war, wurden ab 1941 von den Nazis über das KZ Theresienstadt in die Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Drei dutzend überlebende Nikolsburger Jüdinnen und Juden versuchten nach der Befreiung 1945 zurückzukehren. Das misslang, da sie den tschechoslowakischen Behörden als Deutsche galten und ihr von den Nazis geraubter Besitz daher auch nicht zurückgegeben wurde. Der größte Teil des ehemaligen jüdischen Viertels von Mikulov/Nikolsburg wurde in den 1960er Jahren abgerissen.


Der seit dem 15.Jh. bestehende jüdische Friedhof (židovský hřbitov) mit der Aufbahrungshalle aus dem Jahr 1907.


Straßenszenen


1903 erbaute ehemalige evangelische Kirche, heute als Orthodoxe Kirche zum hl. Nikolaus (Pravoslavný chrám sv. Mikuláše) genutzt.


Der Bahnhof besteht seit 1873.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen